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Brutalismus revisited: gestern und heute.

Mai 16, 2012

Am Morgen des letzten Donnerstag fand ich mich im Foyer der von Werner Düttmann 1958-60 erbauten Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg in einer Menschenmenge. Brutalismus als Thema und Titel einer Konferenz hatte offenbar größeres Interesse geweckt, als es die Veranstalter vermutet hätten; die recht moderaten Teilnahmegebühren werde ihren Teil dazu beigetragen haben. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch zumindest eine vage Vorstellung zu haben, was genau man sich denn unter Brutalismus, auch jenseits der Architektur von Alison und Peter Smithson, vorzustellen hat. Das Diskussionspapier hatte ich im Zug noch kurz überflogen, je mehr jedoch im dann Folgenden darüber gesagt werden sollte, desto diffuser wurde mein zuvor so klar-unklares Bild.

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Abb. 1: Werner Düttmann, Akademie der Künste, Berlin (Hansaviertel), 1957-60. (cc wikimedia commons)

Werner Oechslin, der gleich nach dem üblichen Eröffnungsgeplänkel und einer kurzen Einführung Werner Durths aufs Podium trat, konnte, oder eher wollte, meiner Orientierungslosigkeit wenig Abhilfe leisten: Was man denn jenseits von Alison und Peter Smithson überhaupt unter Brutalismus zu verstehen habe, fragte er? Seit Wölfflin wisse man ja, dass letztlich die (moderne) Architektur mindestens ihre Begriffe aus der Kunstgeschichte erhalten habe – inklusive des Dranges alles periodisieren, in Epochen einteilen zu wollen. Allgemein führe das jedoch zu viel zu starken Verallgemeinerungen. Denn diese Periodisierungen griffen notwendigerweise zu kurz. Irgendwo sei das zwar notwendig, wenn man es aber „wirklich ernst meine“, müsse man sehr viel präziser sein; dann könne von Barock beispielsweise nur mehr für die Zeit von 1620-30 gesprochen werden. Ähnliches dürfe wohl also auch für Historie und vor allem Historiografie der Architektur des 20. Jahrhunderts gelten. Von der ‚klassischen Moderne‘ hätten die Protagonisten dessen, was man heute unter Brutalismus verstehe, schließlich bereits gelernt, wie man ein bestimmtes historisches – respektive: historiografisches – Narrativ, nicht ausschließlich aber vor allem, ikonografische konstruiert. Oechslin schien mir mein Ausgangsniveau so zumindest in gewisser Weise nivelliert zur haben: ich weiß, dass ich nichts weiß. Das  im weiteren Verlauf der Konferenz von praktisch jedem Referenten zitierte Werk Reyner Benhams [Brutalismus in der Architektur. Stuttgart, Bern: K. Krämer, 1966.] – dass ich in der Zwischenzeit nicht hatte lesen können – führte mir die zweifellos zahlreichen verbleibenden Lücken dann aber doch immer wieder vor Augen.

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Abb. 3: Alison and Peter Smithson, Hunstanton Secondary School, Hunstanton, 1949-54. (cc flickr/A. Armstrong)

Das Symposium gliederte sich in vier verschiedene Blöcke zu Theorie- und Begriffsgeschichte (Block I), Brutalismus in … den verschiedenen Ländern (Block II und III) sowie einen zu Brutalismus und seine Folgen (Block IV). So präzise die Titel zunächst schienen, so unterschiedlich gestaltete sich die Dikussion. Oechslin war gleich recht ‚hart‘ eingestiegen, indem er die Verwendung des Begriffs jeneseits des britischen New Brutalism generell in Frage stellte. Stanislaus von Moos thematisierte die Ausgangslage in der Nachkriegszeit als eine Situation des Ruinösen, des Ruins. Die Städte – nicht nur in Deutschland – waren zu großen Teilen zerstört, die politische Situation nach der Sieg über den Nationalsozialismus vom aufkommenden Kalten Krieg geprägt. Hier zeigte sich meiner Ansicht nach auch bereits eine gewisse Parallele zur gegenwärtigen Situation. Sicherlich ist beides nicht vollständig vergleichbar – ein totaler Krieg ist uns erspart geblieben –, Doch die räumliche Situation der durch Spekulation verwüsteten Städte vor allem in den USA aber auch in Europa, zeigt sich änhlich desaströs. Mehr noch könnte man die Verbindung jedoch vielleicht in einem ideologischen Ruin sehen. Freilich schlugen keineswegs alle Redner in diese Kerbe; auch von Moos‘ tat das wohl vor allem in meiner Interpretation. Meine Betrachtung hat also eine dezidierte Perspektive, die sich von anderen oder gar einer allgemeinen Lesart der Ergebnisse dieser Konferenz deutlich unterscheiden mag. Kenneth Framptons Vortrag war in dieser Hinsicht beispielsweise wenig ertragreich; wenngleich ich auch insgesamt nicht so recht zu sagen vermag, worum es ihm nun eigentlich ging.

Die beiden Blöcke zu den geographisch vermeintlich unterschiedlichen Situationen zeigten vor allem, dass Brutalismus – ob in Frankreich, Italien, Deutschland oder Japan – außerhalb Großbritanniens ein problematischer Begriff ist und bleibt. Jörg Gleiter und Phillipp Ursprung haben ihn für Japan bzw. die Schweiz explizit nicht verwenden wollen. Sie bezogen sich vor allem auf ideelle, konzeptionelle Parallelen. Gegenüber solchen Vorträgen, die tatsächlich eine formal brutalistische Architektur zu identifizieren versuchten, hatten diese und weitere freilich insofern etwas vorraus, als sie über den jeweiligen geographischen Kontext hinauswiesen.

Dirk van den Heuvels machte sich in seinem, eigentlich der Situation in den Niederlanden gewidmeten Vortrag beispielsweise daran, Reyner Benhams Definition / Interpretation in Frage zu stellen. In einem Interview mit Hans-Ulrich Obrist [Smithson Time. A Dialogue. Köln: Walther König, 2004.] habe Peter Smithson gesagt, Benham habe keineswegs über Brutalismus geschrieben. Die Frage, was es denn dann gewesen sei, wurde zu recht gestellt, blieb jedoch letzten Endes unbeantwortet. Van den Heuvel stellte vielmehr die Brüche innerhalb bzw. die verschiedenen Phasen, wenn man so will, des brutalistischen Diskurses heraus. Von der formalen warehouse aesthetic über die urbanistischen Themen und zurück. Hier zeigt sich einmal mehr, wie schwer greifbar der Begriff eigentlich ist, wenn man ihn über die Smithsons oder vielleicht noch das Team X hinaus anzuwenden versucht.

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Abb. 3: ATBAT, Cité Verticale, Casablanca, 1953. Modell in der Ausstellung In der Wüste der Moderne, 2008. (cc flickr/P. Messner)

Tom Avermaetes Beitrag ‚Une architecture autre‘: Brutalism in Post-War France hatte zwar einen deutlicher geographisch abgegrenzten Fokus, verwies aber auf die allgemeine Bedeutung des Brutalismus als eine Alternative zur Klassischen Moderne in der sich Entwicklenden Konsumgesellschaft und – wichtig für den französischen Kontext – der Dekolonialisierung. Entlang dem Werk der Gruppe ATBAT erläuterte Avermaete die Ideen der französischen ‚Brutalisten‘. Jenseits ästhtetischer Kategorien habe dabei der Mensch in der Person des Bewohners im Mittelpunkt gestanden. Die konkreten Architekturen näherten sich dabei ingenieurstechnischen Konstruktionen: „The materiality and composition of ATBAT buildings relate to the experiments with dams, bridges and roads. The buildings are in the realm of infrastructure-architecture.“ Hier zeigt sich ganz konkret eine weitere Thematik, die allgemeiner erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt sind. (vgl. z.B. Programme wie das network architecture lab oder das infranet lab, Blogs wie mammoth oder city of sound, Konferenzen wie landscape-infrastructure im März dieses Jahres.) Einzig die Terminologie zur De-Kolonialisiserung war hier ein zu Recht kritisierter Aspekt. Das Ende des Kolonialismus ist sicherlich eine für die französische Nachkriegsgeschichte nicht zu unterschätzendes Phänomen, die Dekolonialisierung jedoch eher eine Bewegung innerhalb der ehemals kolonisierten Gesellschaften. Gerade im Mahgreb und vor allem in Algerien ist dieser Ablösungsprozess bekanntlich ein schwieriger und blutiger gewesen.

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Abb. 4: Gottfried Böhm, Rathaus Bensberg, 1964-69, Bensberg. (cc wikimedia commons)

Luca Molinari schilderte die besondere Situation im Italien der Nachkriegszeit, wo auf den auch im Faschismus weiter existierende Rationalismo mit dem Neo-Liberty eine eigene Gegenbewegung zur Moderne entwickelte; erst der Brutalismus habe hier, so Molinari, die Möglichkeit einer neuen ‚Moralisierung‘ der Moderne eröffnet. Die Situation ist, wie gesagt, eine besondere und nicht ohne weiteres verallgemeinerbar.

Adrian von Buttlar thematisierte schließlich in die Situation in Deutschland, ausgehenden von der Frage Stunde 0 – Kontinuität oder Bruch? Arno Brekers Entwurf für den Sitz des Oberkommandos des Heeres in der geplanten Welthauptstadt Germania an und vergleich diesen mit dem tatsächlich gebauten Gebäude des Gerling-Konzerns, scheint die Sache klar – wieso sollte es auch ausgerechnet in der Architektur anders sein, als in anderen Feldern? Buttlar durchmaß quasi das gesamte bekannte Feld von Corbusier über Oswald Matthias Ungers bis zum, wie er es nennt, ‚Trivialbrutalismus‘ (west-)deutscher Stadtverwaltungen. Dass er dann aber auch Gottfried Böhms Rathaus in Bensberg (Abb. 4) in diese Reihe brutalistischer Architekturen stelle, ging einigen doch zu weit. Die Kritik bezog Buttlar dann aber weniger auf seinen Vortrag, denn als weiteren Hinweis auf die Schwierigkeit der präzisen Abgrenzung/Unterscheidung.

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Abb. 5: Peter Märkli, La Congiunta. Museum Hans Josephson, Giornico, 1989-92. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiter und Phillip Urspung klammerten die formalen Aspekte dann auch von vornherein aus. Es habe, so Ursprung, in der Schweiz eben keine brutalistische Architektur, sondern (wenn überhaupt) nur brutalistische Konzepte gegeben. Die vermuteten Ursachen sind dabei durchaus überzeugend: in der Schweiz gab es keine Kriegszerstörung und in einem so stark dezentral organisierten Land gibt es ohnehin weniger bis gar eine großmaßstäblichen Projekt. Entsprechend nannte Ursprung Brutalismus ein Phantom, das nur in seiner Abwesenheit präsent sei. Als Beispiel führte er Peter Märklis Museum für den Bildhauer Hans Josephson, La Congiunta, an. (Abb. 5). Formal evoziere es zwar brutalistische Einflüsse, es sei jedoch eher nicht davon auszugehen, dass Märkli sich tatsächlich für diese Architektur interessierte.

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Abb. 6: Tokio 1945. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiters Vortrag zur Situation im Japan der Nachkriegszeit bezog sich ebenfalls weniger auf bewusste Einflüsse. Die kollektiven psychischen Traumata der japanischen Gesellschaft, die das erste mal einen Krieg verloren und sich dem Diktat einer ausländischen Macht zu unterwerfen hatte, überschnitten sich mit einer Umwelt der totalen Zerstörung. Aus der europäischen Perspektive hat man bei dem Gedanken an jene Zeit in Schutt und Asche liegende Siedlungen vor Augen. In Japan hingegen stand praktisch nicht mehr; die in Holzbauweise errichteten Städte waren durch die Angriffe mit Brandbomben vollständig dem Erdboden gleich gemacht. Die japanische Auseinandersetzung mit dem Westen ist ein viel komplexeres Phänomen, als dass ich es hier auch nur kurz wiederzugeben vermochte. Der Einfluss brutalistischen Gedankenguts ist evident, was entstand jedoch, unterscheidet sich deutlich.

Die folgende Diskussion ging über die unmittelbar vorangegangenen Vorträge weit hinaus und bildete in gewisser Weise sogar den Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Werner Durths plädierte gegen reine Stildiskussion, wie sie sich anzubahnen drothe, und schlug vielmehr eine heuristische Herangehensweise vor. Dieser Beitrag erscheint mir vor allem deshalb so wichtig, weil es meiner Ansicht nach letzten Endes weniger um die konkreten Architekturen geht. Auch glaube ich kaum, dass das wieder erwachende Interesse an einer Haltung, die man nur so vage mit dem Begriff des Brutalismus fassen kann, einzig dem Umstand zu verdanken ist, dass viele seiner wichtigen Bauten vom akuten Verfall oder, schlimmer noch, vom Abriss bedroht sind. Vielleicht ist es eben tatsächlich jene Situation des des Ruins – der ökonomischen, politischen und letztlich der moralischen Autoritäten –, die teilweise eine Rückbesinnung auf eine, wenn man so viel, ‚Ethik‘ begünstigt.

Die letzten Vorträge waren, zumindest unter diesem Gesichtspunkt, vergleichsweise unspektakulär. Was als Brutalismus und die Folgen angekündigt war, hätte wohl besser … und die Relikte geheißen. Die bis dahin doch ziemlich unterrepräsentierten Denkmalpfleger fanden mit Vortrag Ingrid Scheuermanns ihren Anknüpfungspunkt und eroberten in der abschließenden Diskussion die Bühne vom Publikum aus. Zu den dann in erschöpfender Breite debattierten Themen, vermochte bis auf die Denkmalpflegerin Scheuermann kaum einer der übrigen auf dem Podium (Joan Ockman, Beatriz Colomina, Stephen Bates) etwas zu sagen; zumal sich dann auch noch die Simultanübersetzung vorzeitig verabschiedete.

Zusammenfassend sind von der Konferenz nur wenige Antworten und viel mehr Fragen ausgegangen. Zu recht kann sie so wohl weniger als eine Bilanz, als vielmehr ein Ausgangspunkt einer umfassenden Betrachtung dieser wichtigen Bewegung der Architektur des 20. Jahrhunderts gesehen werden.

Kommunale Haushalte in der Krise: Klassenkampf von oben.

September 18, 2011
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Abb.1: Motor City, Detroit, 2010. (CC flickr/LHOON)

In der Prokla ist aktuell ein interessanter Aufsatz zu den Folgen der Finanzkrise für die Kommunalen Haushalte zu lesen. Margit Mayer, Professorin für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, beschreibt in ihrer Analyse Zustände, in erster Linie für die USA, die ‚erschreckend‘ zu nennen noch euphemistisch wäre. Finanzspekulationen der öffentlichen Hand als Nährboden und die sogenannten ‚Ramsch-Immobilien‘ als Auslöser der Krise sind weithin diskutiert und sollen hier mithin nicht im Einzelnen zu betrachten. Die Folgen allerdings sind (noch) gravierender als man angenommen haben mag. In einigen Kommunen, wie beispielsweise dem Kalifornischen Stockton, sei bereits jedes zehnte Haus zwangsversteigert worden, 40% des Wohnungsbestandes stehe leer. Allein in Florida habe es 2008 über 540.000 Zwangsversteigerungen gegeben. Der Preisverfall sei enorm, dennoch fänden viele Häuser schlicht keinen Käufer und stünden daher einfach leer. Die leerstehenden Häuser würden teilweise zum Hanfanbau genutzt, die Polizei habe daher bereits zahlreiche zumauern lassen.  Zwar hätten sich die Folgen zunächst in den ohnehin bereits schwer geprüften ehemaligen Industriezentren gezeigt, mittlerweile jedoch auch und vor allem auf die Vorstädte, also die weiße Mittelklasse, übergegriffen. In Detroit, das seit den 1950er Jahren fast die Hälfte seiner Einwohner verloren hat, versuche der Bürgermeister die verbleibende Bevölkerung auf zwei Dritteln der Stadtfläche zu konzentrieren um im übrigen Stadtgebiet die Kosten für Abwasser, Müllabfuhr und andere kommunale Dienstleistungen einsparen zu können. Die Verwaltungen begegneten der dramatischen Lage mit Entlassungen und Kürzungen in jedem, vor allem aber dem sozialen Bereich. Maywood, Kalifornien, habe sämtliche städtische Angestellte entlassen und alle öffentlichen [sic!] Aufgaben an private Unternehmen übertragen. Die Sparmaßnahmen gingen so weit, dass in knapp der Hälfte der Bundestaaten sogar Polizei und Feuerwehr ihre ‚Dienstleistungen‘ in Rechnung stellte.

Parallel zum Leerstand wachse die Zahl der Wohnungslosen – 2009 seien offiziell knapp 3 Mio. Menschen (das sind fast 1% der Bevölkerung!) ohne Obdach gewesen. Die Tatsache, dass sich viele Kommunen schlicht verzockt haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kommunale Krise in erster Linie auf sinkenden oder teilweise völlig wegbrechenden Steuereinnahmen beruht. Die Bundesstaaten seien selbst in der Krise und nicht in der Lage zu helfen, die Regierung in Washington agiere zögerlich gegenüber den Banken und ineffektiv gegenüber den sich stellenden Problemen. Hinzu käme, dass die Politik generell vor Steuererhöhungen zurückschrecke und in erster Linie mit Kürzungen reagiere. Wirklichen Widerstand gegen diese Zustände kann Mayer in den USA nicht ausmachen. Sogenannte ‚Astroturf‘, also ‚Kunstrasen‘-Bewegungen wie die vieldiskutierte Tea Party seien im Gegensatz zu wirklicher ‚Graswurzel‘-Initiative letzten Endes kaum mehr als die Instrumentalisierung der „Kritik des ‚kleinen Mannes‘ an der Regierung und den Banken.“ Die Verteidigung eines Steuersystem, in dem ein Warren Buffet weniger Steuern zahlt als seine Sekretärin, ist letzten Ende mit Recht als eine „avancierte Form des Klassenkampfs von oben“ (Mayer) zu bezeichnen.

Susan Neiman beklagte in einer Diskussion zur zukünftigen Rolle der USA kürzlich der Durchschnitts-Amerikaner sei so schlecht informiert sei, dass er das Modell des europäischen Sozialstaats, für Erzählungen aus einem „Märchenland“ hielte. Auf zynische Weise beruhigt es, dass uns in Deutschland Zustände, wie sie Mayer für die USA beschreibt, ähnlich unglaublich erscheinen. Aber auch in Deutschland haben Kommunen reihenweise Milliardenbeträge verzockten. Zwar droht offenbar kein vergleichbarer Einbruch bei den Steuereinnahmen, aber die dadurch reflexhaft hervorgerufene Diskussion um Steuersenkungen sollte zu denken. Es mag ironisch lustig erschienen, dass eine Kommune ihre Schlaglöcher verkauft um an Geld zu gelangen. Die Lage ist damit jedoch nicht weniger dramatisch; im Gegenteil. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte ist sicherlich notwendig, aber die Möglichkeit einer Rückzahlung der Schulden übersteigt zumindest meine Vorstellungskraft. Bemerkenswert ist jedoch die Art und Weise, auf die aus der Schuldenlast ein Totschlagargument konstruiert wird: die (Gegen-)Frage wer das – was immer es auch ist – denn bitteschön bezahlen solle beendet so manche Diskussion.

London Schizophrenia.

August 15, 2011
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Abb.1: 'The City and The City'. Straßenszene in London, 2010. (CC Ian Wood/Flickr)

Owen Hatherley hat eine weitere lesenswerte Perspektive zu den Unruhen in London und Großbritannien. Segregation, Ghettoisierung der sozialen Unterschichten, finde man in London, Manchesters, Birmigham und den weiteren Städte, in denen es zu Ausschreitungen kam, nicht:

„Edinburgh might wall off its poor in Muirhouse or Leith, and Oxford might try not to think about Blackbird Leys, but in London, Manchester/Salford, Liverpool, Birmingham, Bristol, Nottingham—the cities that erupted on Monday 8th August—the rich live, by and large, next to the poor: £1,000,000 Georgian terraces next to estates with some of the deepest poverty in the EU. […] We’ve learnt about ’spatial segregation‘, so we do things differently now.“

Aber das löst freilich keines der Probleme – im Gegenteil. Hatherley sieht London als Vorbild für China Miévilles Roman The City and The City. Dort existieren zwei Städte parallel und synchron am selben Ort – während deren Bewohner handeln als sei dem nicht so. In einer Stadt wie London muss man sich aber auch das offenbar erst einmal leisten können. Will Wiles weist auf die massiven Einschränkungen hin, denen die Bewohner der ‚Stadt der Unterschicht‘ tagtäglich begegnen, während die Vermögenderen sich innerhalb einer völlig anderen Wahrnehmungsumgebung. Diese wird Geschaffen mit Hilfe des Crime and Disorder Act 1998. Die ‚Anti-Social Behaviour Orders‘ (ASBO) erlauben der Polizei Kontrollen, Festnahmen und Platzverweise wegen Vergehen, die von Dealen, Drogenkonsum und Vandalismus bis zu Betteln, Spucken und Lärm reichen. Der Soziologe Jeremy Gilbert beschreibt die Folgen gegenüber der taz:

„Zusätzlich [zu den ASBOs, S.S.] existieren bereits informelle Ausgangssperren, wenn etwa Polizisten nach einer bestimmten Uhrzeit wahllos Jugendliche auf der Straße kontrollieren. Die Kriminalisierung von Armut ist jedoch weniger grobschlächtig als noch in den 1970ern, als Polizisten auch ohne Grund auf Schwarze eingeschlagen haben. Heute sind die Vorgänge subtiler, aber auch intensiviert. Entscheidend ist dabei der Besitz von Wohneigentum. In Walthamstow, wo ich lebe, hat die Eigentum besitzende Mittelklasse keine Ahnung von den Lebensverhältnissen in den Blöcken mit Sozialwohnungen. […] Für meine Nachbarn müssen die Ausschreitungen daher wie ein spontaner Ausbruch von willkürlicher Gewalt aussehen.“

Für Heatherley muss das Augenwischerei sein: „All of us, all along – if we’re honest for a microsecond – knew this was a ludicrous way to build a city, to live in a city.“

Blame the Architect: I predict a Riot.

August 14, 2011

„Watching the people get lairy
It’s not very pretty I tell thee
Walking through town is quite scary
It’s not very sensible either
A friend of a friend he got beaten
He looked the wrong way at a policeman
Would never of happened to Smeaton
An old leodensian
I predict a riot“

The Kaiser Chiefs

Die Zeit heute. London, 2011

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Abb.1: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Wouter Vanstiphout, Professor an der TU Delft, hat Eine interessante Analyse der Unruhen in England stammt von Wouter Vanstiphout. Er konzentriert thematisiert die Korrelation zwischen urbanen Großwohnsiedlungen und derartigen Gewaltausbrüchen. Er implziert dabei keineswegs, dass das eine zwangsläufig das Andere hervorbringe, aber ein Zusammenhang ist unverkennbar ist. Vor allem jedoch bezweifelt Vanstiphout, dass Politik und Planung nun ernsthaft die den Unruhen zugrunde liegenden Probleme angehen werden. Es sei nicht so, dass diese die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten ‚die Stadt‘ tatsächlich zu beeinflussen erkannt hätten. Vielmehr folgten beide einer eigenen Agenda, ihren eigenen „ulterior motives“, anstatt für die ‚die Stadt‘ selbst zu arbeiten: „The city has become a tool to achieve goals, political, cultural, economic or even environmental.“

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Abb.2: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Deshalb sei nun eher ein Rückkehr zur ‚Normalität‘ zu erwarten, oder vielmehr zu befürchten. Zum Vergleich zieht er die Unruhen in den französischen Banlieues 2005 und 2007 heran. Nach dem Abflauen der Krawalle hätten nurmehr 50 bis 150 Autos pro Nacht brannten – anstelle von 1000 bis 1.500 in den Nächten zuvor. Diese ‚Normalität‘ bedeute, dass man sich Vormittags mehr oder minder frei bewegen könne, dass sich spätestens nach Einbruch der Dunkelheit jedoch selbst die Polizei aus diesen Vierteln zurückziehe. Die Krawallen, seien also vielmehr

„‚just spectacular worsenings of a chronic condition, extrapolations on a permanent crisis lived by millions, but neglected by tens of millions. Something became visible for a moment, and then disappeared again, as a bad dream. Behind the scenes however a mechanism is in place that contains the badness, that keeps it from spilling over again, while making it inevitable that it will.“

Die Zeit davor. Broadwater Farm, 1985

Broadwater Farm ist ein modernistisches Wohnungsbauprojekt der 1960er Jahre im Norden Londons. Im Frühjahr dieses Jahres sprach Vanstiphout in einer Vorlesung über die Unruhen, die sich dort im Oktober 1985 ereigneten. Diese hatten vergleichsweise kleine (räumliche) Ausmaße, was eine stärker architektonische Betrachtungsebene eröffnen.

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Abb.3: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

Auslöser der Proteste war der Tod der Mutter eines mutmaßlichen Drogendealers während einer Hausdurchsuchung. Die genaueren Umstände sind bis heute ungeklärt. Eine Gruppe Jugendlicher zog daraufhin vor die örtliche Polizeistation um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren, der sie vorwarfen, für den Tod der Frau verantwortlich zu sein. Es kam zu Auseinandersetzung in deren Folge die Polizei versuchte, die Jugendlichen zurück in den Broadwater-Komplex zu drängen. Das abgeschlossene Areal bildete eine Art ‚Zitadelle‘ (Vanstiphout) der mittlerweile gewaltätig protestierenden Jugendlichen. In den Komplex selbst habe die Polizei sich jedoch nicht vorgewagt, ganz einfach

„Because once they are inside, they don’t know what to do anymore. Because of the spatial nature of this place, they have no idea how to chase the criminals. Because there are elevated walkways, there are little stairs that connect them, there are these huge stairwells where the different elevated walkways come together. There is a huge underground zone, which is completely unmonitored and the stairs which conntects it to the upper leves – so it’s an incredible nest. One of this modernist network type of system, that makes it extremely difficult for the police to exert any control over it.“

Statt in das Estate beinzudringen belagerte die Staatsmacht die revoltierenden Jugendlichen im Areal. Mit eigens gelegten Feuer zwangen diese die Feuerwehr und so schließlich auch die Polizei in den Innenbereich des Estates. Ein Polizist, Keith Blakelock, wurde dabei von seiner Einheit getrennt und auf grausame Weise ermordet. Blakelocks Mörder konnten unerkannt entkommen und auch bis heute nicht ermittelt werden. In ihrer Hilflosigkeit nahm die Polizei stattdessen einige der üblichen Verdächtigen fest, die zum Teil wegen anderer Vergehen verurteilt wurden.

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Abb.4: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

In den darauffolgenden Jahren ist Broadwater Farm, wie Vanstiphout ausführlich berschreibt, durch zahlreiche Interventionen und vor allem Investitionen in die soziale Infrastruktur zu einem der sichersten Orte Londons gemacht worden. Zugleich sei es aber auch zu einem der am stärksten überwachten Orte des Großbritanniens [sic!] geworden, wodurch jedoch immerhin die Kriminalitätsrate drastisch gesenkt werden konnte.

Die Zeit danach. 1985-2011

In einem anderen Vortrag, den er im Februar an der ArchitecturalAssociation (AA) in London hielt, ging Vanstiphout genauer auf die Gemeinsamkeiten verschiedener sozial wie ethnisch motivierter Unruhen seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein. In allen Fällen habe es ein sogenanntes „trigger-event“ (auslösendes Ereignis) gegeben. Ähnliche Vorfälle mag es hunderte Male zuvor gegeben haben, aber in diesem speziellen Moment führe es, bedingt durch besondere Umstände, zum Gewaltausbruch.

Vanstiphout beschreibt wie in London nach 27 Jahren die Ermittlungen im Blakelock-Fall wiederaufgenommen wurden. Einige derer, die damals als Jugendliche an den Krawallen teilgenommen hatten – heute in ihren 40ern – sind festgenommen und befragt worden, woraufhin es zu Spannungen gekommen sei; innerhalb einer Woche seien ein Drogendealer festgenommen und ein Jugendlicher erschossen worden. In einer BBC-Sendung ist der Fall sogar noch einmal mit großem Aufwand rekonstruiert worden. Vanstiphout sagte dazu im Frühjahr: „We don’t know how this will end, but what it suggest is the extrem kind of sensitivity of these areas to what happens in their enviroment.“ Der Guardian schreibt am 7. August über den ersten Tag der Auseinandersetzungen:

„The violence broke out at dusk after about 120 people marched on Tottenham police station to express anger over the death of Duggan. The protesters had begun their march in the Broadwater Farm area, the scene of riots in 1985 in which a police constable, Keith Blakelock, was killed by attackers wielding knives and machetes.“

Ob das Zusammentreffen dieser Ereignisse nun ein Zufall ist oder nicht sei dahin gestellt. Ebenso wenig ist das eine grundlegende Kritik an dem Versuch zu verstehen, nach 27 Jahren einen Mordfall aufzuklären. Die Art, in der sich die Ereignisse zu wiederholen scheinen, ist jedoch durchaus als Beleg einer weiteren These Vanstiphouts zu werten:

„the reality of urban riots is that they have always turned out to be the opposite of a learning experience for a city. Riots have nearly always resulted in politicians simplifying the problem even more, and citizens looking away even further.“

‚Blame the Architect‘

Was im Gegensatz zu anderen Unruhen bisher ausblieb, ist die Vermutung/Behauptung die Architektur sei eine Ursache der Misere. Die Architekten, die sonst gerne für sich in Anspruch nehmen mit ihrer Arbeit die Gesellschaft, die Welt zu beeinflussen, wiesen dabei jedes Mal alle Verantwortung kategorisch von sich. Das mag übereilt sein, richtig ist aber eben auch, dass Unruhen in allen Arten urbaner Umgebungen vorkommen. Zwar sei es, so Vanstiphout, in Frankreich 2005 und 2007 ausschließlich in zwischen den 1950er und 1970er Jahren errichteten Siedlungen zu Krawallen gekommen, Gegenbeispiele hierfür wären aber etwa Unruhen in Notting Hill 1958, Detroit 1967 oder Los Angeles 1992. Vanstiphout: „This does not suggest that there is a clear relationship between the architecture and the crime, however the broadwater riot […] led to a reaction, that was totally architectural. […] The reaction that the reason must lay in the design itself.“

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Abb.5: 'Die Hand des Architekten', Le Corbusiers Hand über dem Modell des 'Plan Voisin'. (via V&A Museum Blog)

Diese reflexhaften Anschuldigungen gegenüber der modernen Architektur im Allgemeinen – und der Le Corbusiers als deren Inkarnation im Speziellen – sind bisher ausgeblieben. Das verwundert dann doch, denn an sich wäre damit eine schnelle Erklärung bei der Hand. Ähnlich wurde eben auch in Frankreich, wo man den offensichtlich gescheiterten Großplanungen der 50er bis 70er Jahre mit einem nicht minder megalomanischen Plan Espoir Banlieue zu begegnen versucht. Natürlich ist das eine krasse Simplifizierung – aber so bedarf es eben nur einer anderen Planung, die dann alles zum besseren wenden wird. Sollte es sich bei den eigentlichen Ursachen um jahrhundertelange Unterdrückung, ein Erbe des Kolonialismus, Segregation, Armut oder schlicht blinde Zerstörungswut handeln, wäre das Problem um einiges komplexer. Im Augenblick sieht es erstaunlicherweise dann doch so aus, als bekäme diesmal tatsächlich „die Gier des Establishments“ oder sogar die neoliberale Politik selbst die Schelte. Der Gedanke, dass gewisse urbane Umgebungen Gewalt wenn nicht hervorbringen, so doch zumindest befördern, sollte dennoch haften bleiben. Vanstiphouts Analysen führen eine Komplexität der Thematik im architektonischen/urbanistischen Kontext vor Augen, an deren (weiterer) umfassender Diskussion kein Weg vorbei führt! Zumindest dann nicht, will man Vouter Vanstiphouts doch recht deprimierendes Fazit eher als Aufforderung zum Handeln – oder zumindest Nachdenken – denn als Anlass zur Resignation verstehen:

„After a riot your average city will become more afraid, more authoritarian, more segregated, more exclusive and less tolerant. That is the real tragedy of the post-war western urban riot, first it shocks and terrifies us, then for a moment it makes us see flashes of the kind of city we should be working towards, which then fades away into the darkness. Back to normal.“

City as Sound: Stadtmuziek.

Juli 11, 2011

Nach erst– und nochmaliger Auseinandersetzung mit aditiver Wahrnehmung von Raum, Stadt und Stadtraum – hier und an anderer Stelle – muss ich konstatieren, dass sich dazu doch einiges finden lässt. Wer suchet, der findet! In diesem Fall habe ich allerdings nur davon erzählt (s.u.). Unter dem Titel Stadtmuziek sucht der Designer Akko Goldenbeld die physische Form der Stadt Eindhoven in Klang zu übersetzen. Dafür wurde ein Modell in einer Art Stiftwalze angefertigt, das beim Drehen verschiedene Hämmerchen auslöst, die wiederum die Tasten eines Klaviers anschlagen. Ich muss gestehen, nicht so recht verstanden zu haben worum es bei dem Projekt tatsächlich geht. Um eine akustische Wahrnehmung der Stadt selbst kann es schließlich nicht gehen. Der Titel scheint zwar irgendwie auf Walther Ruttmanns Sinfonie der Großstadt anzuspielen, wie Dan Hill auf cityofsound.com vermutet, könnte aber orthografisch genausogut mit Ludwig Hilbersheimers Groszstadtarchitektur in Verbindung gebracht werden. Zwar schreibt Designboom zu dem Projekt:

„placed on a revolving wooden cylinder, the buildings set little hammers in motion that play the keys of the piano. by turning and turning, the city makes its voice heard – from loud to soft, long to short, high-pitched to low – translating the three-dimensional reality of the city into an aural experience.“

Das aber ist offensichtlich ein Missverständnis. Denn schließlich wird hier keineswegs die ‚drei-dimensionale Realität der Stadt‘ übersetzt, sondern vielmehr die eines zylindrischen Stadtmodells. Denn die Übersetzung erfährt eben diese Realität schließlich bereits in ihrer Repräsentation durch das Modell, dessen Klang hier wiedergegeben wird. Wohlwollend interpretiert, geht es möglicherweise auch um Eben dieses Verhältnis von Realität bzw. ‚reality‘ zur Wirklichkeit. Vielleicht hat aber trifft auch einer der Kommentatoren des Youtube-Videos den Nagel auf den Kopf: „Hipster and their music.“

Vielen Dank an Micha K. für den Hinweis.

Sizilianische Situation – Abdrift.

Juni 23, 2011

Das mehr oder minder ziellose Herumlaufen ist, denke ich, auch diesseits aller Wissenschaftlichkeit eine ausgezeichnete Möglichkeit eine Stadt kennenzulernen. Das gilt für bekannte wie unbekannte Orte gleichermaßen, auch wenn ich persönlich meist (leider) erst des touristischen Blicks bedarf, um meine Aufmerksamkeit auch auf allerlei Profanitäten richten zu könne. Die vornehmlich visuelle Präkonditionierung dieser Herangehensweise, welche die Beobachtung hier maßgeblich beeinflusst, habe ich an anderer Stelle bereits gestreift.

Piazza Magione Palermo-fig.1

Abb.1: Panorama-Ansicht der Piazza Magione. (CC wikimedia commons/SS)

Vor einigen Monaten stieß ich bei einem dieser touristischen Streifzüge in Palermo auf einen kuriosen Ort. Gleichermaßen Park, Platz und Brache stellt die enorme Freifläche zunächst vor allem eine Ausnahmeerscheinung im dichten Gefüge der Altstadt dar. Was genau dieser Ort ist, weiß ich bis heute nicht; wie meine Kenntnisse hierzu samt und sonders vagen Versuchen die spärlich gestreuten, ausschließlich in Italienisch gehaltenen Informationstafeln zu entziffern, sowie wenigen kurzen Gesprächen entstammen. Der Name Piazza Magione jedenfalls bezeichnet offenbar eigentlich nur einen kleineren, an der süd-östlichen Ecke gelegenen Teil des Freiraums.

Piazza Magion fig.3

Abb.2: Ansicht von Süden. (CC wikimedia commons/SS)

Der weitläufige Raum ‚entstand‘, soweit mir bekannt, im Jahr 1943, als (beinahe) alle ehemals auf dem Gelände befindlichen Gebäude durch einen Bombenangriff zerstört wurden. Tatsächlich sind die Grundmauer der Gebäude vielfach noch sichtbar und die Straßenführung entspricht anscheinend weiter der historischen (Abb.4). Das einzige erhaltene Gebäude ist bezeichnenderweise ein ursprünglich offenbar kirchlichen Zweck dienendes – was selbstverständlich eine entsprechende Mythenbildung zufolge haben musste.

Piazza Magione fig.3

Abb.3: Südansicht des stehengebliebenen Gebäudes. Die Inschrift über die Tür lautet "sapientia aedivicavit sibi domum"; dt.: "Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut". (CC wikimedia commons/SS)

In den letzten beinahe 70 Jahren wurde die Fläche nicht wieder bebaut. Mehr noch, die Straßenkanten wurden beibehalten, die Grundmauern belassen, über alles weitere Gras wachsen gelassen. Alles befindet sich undefinierter Undefinierbarkeit, bildet einer Art Dritter Landschaft, jedoch ohne dabei an Mythos einzubüßen. Zweifellos trage ich nun ebenfalls tatkräftig zur Mythenbildung bei, vor allem weil ich keine wirkliche, kein greifbare Aussagen geben kann. In meiner Erinnerung – drei Monate nach der unmittelbaren Erfahrung – ist der Ort die Entdeckung einer eigentümlichen psychogeographische Situation. Denn es ist durchaus bemerkenswert, welchen Eindruck der Ort ohne oder gerade wegen geringer bis gar keiner Vorkenntnis zu seiner Geschichte, seinem Zweck, letztlich völliger Unkenntnis seines Wesen hinterlässt. Ich weiß nicht, ob und wie Palermitaner den Ort nutzen, betrachten, begreifen. Ob er ihnen ähnlich mythisch und mystisch erscheint. Dem Abdrift (derivé) dort folgt so ein Abschweifen hier; ohne greifbare Thematik, ohne erkennbares Ziel.

Piazza Magione Palermo fig.4

Abb.4: Grundmauern der im Krieg zerstörten Gebäude. (CC wikimedia commons/SS)

Architektur und auditive Wahrnehmung.

Mai 22, 2011
Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr.

Abb.1: Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr. (Bibliothèque nationale de France/Wikimedia Commons)

Der Berliner Historiker Daniel Morat forscht im Rahmen seiner Habilitation zur den Klanglandschaft der Großstadt. Kulturen des Auditiven in Berlin und New York 1880-1930. Am 19. Januar hielt er in Zusammenhang mit diesem Thema einen Vortrag im Potsdamer Einstein-Forum mit dem Titel Die Metropole hören, der als Podcast bei Dradio Wissen zu finden ist. Morats Forschungsinteresse gilt der auditiven Wahrnehmung in der Moderne, hier vor allem in Bezug auf die modernen Großstadt. Bis heute jedoch gehe das vorherrschende Denken, so Morat, von einem Primat des Visuellen in der Moderne, vor allem in der modernen Großstadt aus. Die herausragende Rolle des Visuellen werde dabei vor allem auf die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance, die Entstehung des Buchdrucks, und der Definition des des Cartesianischen Erkenntnissubjekts als Beobachtersubjekt zurückgeführt. Darüber hinaus seien die rasante Weiterentwicklung optischer Medien im 19. Jh. und die Anonymisierung des großstädtischen Lebens hierfür historisch entscheidend gewesen. Die daraus entstandene Fixierurung auf das Visuelle, vor allem bei Georg Simmel, Siegfried Cracauer und Walter Benjamin, manifestiere sich in der Figur Flaneurs. Morat beschreibt die Wahrnehmung der (Großstadt-)Geräusche in ihrer historischen Entwicklung, die ich hier nicht in ganzem Umfang nachzeichnen möchte. Interessant erscheint mir vor allem der vom kanadischen Komponisten Murray Schafer in den 1970er Jahren etablierte Begriff der soundscape. Im Rahmen seines World-Soundscape-Projects habe Schafer, so Morat, „ausgefeilte Methoden und eine elaborierte Begrifflichkeit zur Analyse und Beschreibung der Akustischen Umwelt entwickelt, […] Die Definition des Begriffs soundscape kombiniert dabei die Beschreibung der akustischen Umwelt mit deren Wahrnehmung und Deutung.“

Audio 1: Klang des Berliner U-Bahnhofs Schlesisches Tor. (cc yukiovmking)

Ebenso wie Morat es für die Auseinandersetzung mit der modernen Großstadt beschreibt, ist auch die historiografische Untersuchung von Architektur – sprich: die Architekturgeschichte im engeren Sinne – eine in erster Linie visuell orientierte Disziplin. In seinem Buch Experiencing Architecture widmet Steen Eiler Rasmussen beispielsweise dem Kapitel Hearing Architecture knappe 13 der insgesamt 257 Seiten. Rasmussen beschreibt darin unter anderem die Wechselwirkung christlicher Kirchen und der für sie komponierten Musik. So seien in frühchristlichen Basiliken gesungenen Choräle beispielsweise in einem akustischen Kontext entstanden, in dem das normalem Sprechen folgende Echo das Gesprochene bis zur Unkenntlichkeit verzerrt habe. Aus der Notwendigkeit einer anderen Rhythmik seien schließlich die Choräle entstanden. Rassmussen führt das für weitere Beispiele aus, die bezeichnenderweise mit Bildern und Plänen illustriert sind. Die akustische Aura eines Raumes findet, wie mir scheint, heute kaum einen Niederschlag in der Formulierung architektonischer Entwürfe. Bei Gebäuden mit entsprechender Funktion, wie Konzerthäuser und dergleichen, liegen die Dinger etwas anders. Es ist anzunehmen, dass dies mit auch mit einer vor allem visuell orientierten architekturhistorischen und -theoretischen Forschung zusammenhängt. Die Auseinandersetzung mit Akustik, beispielsweise in der Klangkunst, ist heute keine Seltenheit und mit Akteuren wie Bernhard Leitner befinden sich auch Architekten unter den Protagonisten. Glaubt man Steen Eiler Ramussen existiert „no longer any interest in producing rooms with differentiated acoustical effects – they all sound alike.“ Zweifellos aber – und das beschreibt auch Rassmussen so – hat die akustische Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Raumwahrnehmung insgesamt, wenngleich sie auf den visuell präkonditionierten Betrachter womöglich eher im Unterbewusstsein wirkt. Eine systematischere Untersuchung der auditiven Wahrnehmung vor allem moderner Architektur erscheint so jedoch als ein ebenso vielversprechendes Forschungsgebiet wie Daniel Morats Projekt zur Stadtwahrnehmung.

Hans Kollhoff: Der Geist der Architektur.

Mai 16, 2011

„Was ist zeigemäßes Bauen?“ fragt Hans Kollhoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Mai. Der Beitrag ist in erster Linie eine Antwort auf Kritik an den Ergebnissen des Wettbewerbs (.pdf) für die Neubebauung des Frankfurter Römers, im Kern jedoch geht es – zumindest suggeriert dies der Titel – um etwas anderes. Die für die Frankfurter Innenstadt vorgeschlagene Bebauung und die daran geübte Kritik spielen deshalb für die folgende Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Als Ausgangspunkt seiner Replik wählt Hans Kollhoff die Feststellung, die Tektonik als Konstante einer Jahrtausende überspannenden Architekturgeschichte sei nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Deutschland „auf dem Müll“ gelandet. Jedoch sei eben diese das Bindeglied zwischen dem Mensch und seinen Artefakten und erst der Verlust des Tektonischen habe uns dessen Notwendigkeit Augen geführt. Gottfried Semper unterteilte die Konstruktion in symbolische und technische Elemente, eine Einteilung, die Kenneth Framptons in seinen Studien zur Kultur des Tektonischen in repräsentierende und ontologische, d.h. kommunizierende Aspekte übersetzte. Semper hatte die Architektur in vier grundlegende, sich historisch nur oberflächlich verändernde Elemente unterteilt: Den Erdaufwurf (Fundament), das Dach (Tragstruktur), den Herd und die umschließende Haut. Für Frampton verdeutlicht Sempers Unterteilung „den Unterschied zwischen dem Verkleidungssystem, das die unter der Oberfläche befindliche wirkliche Konstruktion repräsentiert, und einem Bau, der gleichzeitig seine Grundstruktur und seine Bekleidung zum Ausdruck bringt.“ Diese Dichotomie müsse für die Architektur jeweils neu formuliert werden, „da Bautyp, Technik, Topografie und zeitliche Umstände jeweils zu einer anderen kulturellen Konstellation führen.“Wie also kann eine solche Formel heute lauten und, hier vielleicht noch entscheidender, findet sie ihre Artikulation in der Architektur Hans Kollhoffs? Letzten Endes kritisiert Frampton den Zustand der Architektur nicht weniger als Kollhoff das tut, jedoch mit einem grundlegend anderen Ansatz. Während dieser eine vermeintliche Entfremdung ‚der Bürger‘ – wer auch immer das sein soll – auf symbolischer bzw. repräsentierender Ebene beklagt, sah sich jener bereits zu Beginn der 1990er Jahre mit einer ganz anderen, tiefergehenderen weil ontologischen Problematik konfrontiert. Die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft hatte bereits vor zwanzig Jahren dazu geführt, dass die technischen Installationen gegenüber der Konstruktion längst den weitaus größeren Teil der Baukosten eines Gebäudes ausmachten; ein Zustand, der sich heute tendenziell eher noch verschärft haben dürfte. Die Betonung des Tektonischen gegenüber dem Szenografischen der Architektur beschreibt er nun als „eine Taktik, durch die die Widerstandskraft gegen ihre weitere Auflösung mittels einer Maximierung von Technologie erhöht wird.“

Potsdamer Platz, Berlin

Abb.1: Potsdamer Platz, Berlin. In der Mitte das DaimlerChrysler-Gebäude von Hans Kollhoff. (Foto: cc bagalute, Flickr)

Der Einsatz „des Tektonischen als Mittler bei der Schlichtung der wachsenden Konfrontation zwischen Technologie und Umwelt.“ hingegen ermögliche eine Synthese der widerstreitenden Teile. Nun dagegen Kollhoff:

„Wenn aber die Notwendigkeit besteht, einen Baukörper zusammenzuhalten, weil die Öffnungen zusehends größer werden oder die Hausfront immer breiter, ist der Griff nach einem Gurtgesim selbstverständlich. Wenn dieses sowohl trennen als auch verbinden soll, werde ich über Rundungen des Profils nachdenken. Auch das ist nicht historistisch, auch nicht ornamental oder gemoetrisch, sondern eminent tektonisch und damit das Wesen des Architektonischen, von dem Schinkel gesprochen hat.“

Das mag zutreffen oder auch nicht, entscheidend ist vor allem wie Kollhoff hier ausschließlich auf der Ebene des Repräsentierenden argumentiert. Mit Hinblick auf frühere Bauten Kollhoffs muss das nicht nur auf einer diskursiven, sondern auch einer ganz praktischen Ebene als problematisch erscheinen. Deutlich zeigt dies die Fassade des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (Abb.1). Mit halbierten Klinkern verblendente Elemente ermöglichten hier eine vermeintlich ökonomische Realisierung des Entwurfes im Stil früherer Hochhausbauten, der als wirkliches Verblendmauerwerk von kaum möglich gewesen wäre. Seit einigen Jahren zum Schutz vor herabfallenden Ziegelhälften erforderliche Gerüste versinnbildlichen heute das Scheitern einer Ästhetik, die den Konflikt von Tektonik und Technik nicht schlichtet sondern verschärft. Ein sich allein auf das Repräsentierende konzentriertende Architektur muss scheitern, weil sie am eigentlichen Wesen der Dinge vorbeiläuft. Der geschichtsbewusste Geist Hans Kollhoffs entpuppt sich so, einmal tatsächlich gebaut, als ein rechtes Gespenst.