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Blame the Architect: I predict a Riot.

August 14, 2011

„Watching the people get lairy
It’s not very pretty I tell thee
Walking through town is quite scary
It’s not very sensible either
A friend of a friend he got beaten
He looked the wrong way at a policeman
Would never of happened to Smeaton
An old leodensian
I predict a riot“

The Kaiser Chiefs

Die Zeit heute. London, 2011

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Abb.1: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Wouter Vanstiphout, Professor an der TU Delft, hat Eine interessante Analyse der Unruhen in England stammt von Wouter Vanstiphout. Er konzentriert thematisiert die Korrelation zwischen urbanen Großwohnsiedlungen und derartigen Gewaltausbrüchen. Er implziert dabei keineswegs, dass das eine zwangsläufig das Andere hervorbringe, aber ein Zusammenhang ist unverkennbar ist. Vor allem jedoch bezweifelt Vanstiphout, dass Politik und Planung nun ernsthaft die den Unruhen zugrunde liegenden Probleme angehen werden. Es sei nicht so, dass diese die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten ‚die Stadt‘ tatsächlich zu beeinflussen erkannt hätten. Vielmehr folgten beide einer eigenen Agenda, ihren eigenen „ulterior motives“, anstatt für die ‚die Stadt‘ selbst zu arbeiten: „The city has become a tool to achieve goals, political, cultural, economic or even environmental.“

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Abb.2: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Deshalb sei nun eher ein Rückkehr zur ‚Normalität‘ zu erwarten, oder vielmehr zu befürchten. Zum Vergleich zieht er die Unruhen in den französischen Banlieues 2005 und 2007 heran. Nach dem Abflauen der Krawalle hätten nurmehr 50 bis 150 Autos pro Nacht brannten – anstelle von 1000 bis 1.500 in den Nächten zuvor. Diese ‚Normalität‘ bedeute, dass man sich Vormittags mehr oder minder frei bewegen könne, dass sich spätestens nach Einbruch der Dunkelheit jedoch selbst die Polizei aus diesen Vierteln zurückziehe. Die Krawallen, seien also vielmehr

„‚just spectacular worsenings of a chronic condition, extrapolations on a permanent crisis lived by millions, but neglected by tens of millions. Something became visible for a moment, and then disappeared again, as a bad dream. Behind the scenes however a mechanism is in place that contains the badness, that keeps it from spilling over again, while making it inevitable that it will.“

Die Zeit davor. Broadwater Farm, 1985

Broadwater Farm ist ein modernistisches Wohnungsbauprojekt der 1960er Jahre im Norden Londons. Im Frühjahr dieses Jahres sprach Vanstiphout in einer Vorlesung über die Unruhen, die sich dort im Oktober 1985 ereigneten. Diese hatten vergleichsweise kleine (räumliche) Ausmaße, was eine stärker architektonische Betrachtungsebene eröffnen.

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Abb.3: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

Auslöser der Proteste war der Tod der Mutter eines mutmaßlichen Drogendealers während einer Hausdurchsuchung. Die genaueren Umstände sind bis heute ungeklärt. Eine Gruppe Jugendlicher zog daraufhin vor die örtliche Polizeistation um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren, der sie vorwarfen, für den Tod der Frau verantwortlich zu sein. Es kam zu Auseinandersetzung in deren Folge die Polizei versuchte, die Jugendlichen zurück in den Broadwater-Komplex zu drängen. Das abgeschlossene Areal bildete eine Art ‚Zitadelle‘ (Vanstiphout) der mittlerweile gewaltätig protestierenden Jugendlichen. In den Komplex selbst habe die Polizei sich jedoch nicht vorgewagt, ganz einfach

„Because once they are inside, they don’t know what to do anymore. Because of the spatial nature of this place, they have no idea how to chase the criminals. Because there are elevated walkways, there are little stairs that connect them, there are these huge stairwells where the different elevated walkways come together. There is a huge underground zone, which is completely unmonitored and the stairs which conntects it to the upper leves – so it’s an incredible nest. One of this modernist network type of system, that makes it extremely difficult for the police to exert any control over it.“

Statt in das Estate beinzudringen belagerte die Staatsmacht die revoltierenden Jugendlichen im Areal. Mit eigens gelegten Feuer zwangen diese die Feuerwehr und so schließlich auch die Polizei in den Innenbereich des Estates. Ein Polizist, Keith Blakelock, wurde dabei von seiner Einheit getrennt und auf grausame Weise ermordet. Blakelocks Mörder konnten unerkannt entkommen und auch bis heute nicht ermittelt werden. In ihrer Hilflosigkeit nahm die Polizei stattdessen einige der üblichen Verdächtigen fest, die zum Teil wegen anderer Vergehen verurteilt wurden.

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Abb.4: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

In den darauffolgenden Jahren ist Broadwater Farm, wie Vanstiphout ausführlich berschreibt, durch zahlreiche Interventionen und vor allem Investitionen in die soziale Infrastruktur zu einem der sichersten Orte Londons gemacht worden. Zugleich sei es aber auch zu einem der am stärksten überwachten Orte des Großbritanniens [sic!] geworden, wodurch jedoch immerhin die Kriminalitätsrate drastisch gesenkt werden konnte.

Die Zeit danach. 1985-2011

In einem anderen Vortrag, den er im Februar an der ArchitecturalAssociation (AA) in London hielt, ging Vanstiphout genauer auf die Gemeinsamkeiten verschiedener sozial wie ethnisch motivierter Unruhen seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein. In allen Fällen habe es ein sogenanntes „trigger-event“ (auslösendes Ereignis) gegeben. Ähnliche Vorfälle mag es hunderte Male zuvor gegeben haben, aber in diesem speziellen Moment führe es, bedingt durch besondere Umstände, zum Gewaltausbruch.

Vanstiphout beschreibt wie in London nach 27 Jahren die Ermittlungen im Blakelock-Fall wiederaufgenommen wurden. Einige derer, die damals als Jugendliche an den Krawallen teilgenommen hatten – heute in ihren 40ern – sind festgenommen und befragt worden, woraufhin es zu Spannungen gekommen sei; innerhalb einer Woche seien ein Drogendealer festgenommen und ein Jugendlicher erschossen worden. In einer BBC-Sendung ist der Fall sogar noch einmal mit großem Aufwand rekonstruiert worden. Vanstiphout sagte dazu im Frühjahr: „We don’t know how this will end, but what it suggest is the extrem kind of sensitivity of these areas to what happens in their enviroment.“ Der Guardian schreibt am 7. August über den ersten Tag der Auseinandersetzungen:

„The violence broke out at dusk after about 120 people marched on Tottenham police station to express anger over the death of Duggan. The protesters had begun their march in the Broadwater Farm area, the scene of riots in 1985 in which a police constable, Keith Blakelock, was killed by attackers wielding knives and machetes.“

Ob das Zusammentreffen dieser Ereignisse nun ein Zufall ist oder nicht sei dahin gestellt. Ebenso wenig ist das eine grundlegende Kritik an dem Versuch zu verstehen, nach 27 Jahren einen Mordfall aufzuklären. Die Art, in der sich die Ereignisse zu wiederholen scheinen, ist jedoch durchaus als Beleg einer weiteren These Vanstiphouts zu werten:

„the reality of urban riots is that they have always turned out to be the opposite of a learning experience for a city. Riots have nearly always resulted in politicians simplifying the problem even more, and citizens looking away even further.“

‚Blame the Architect‘

Was im Gegensatz zu anderen Unruhen bisher ausblieb, ist die Vermutung/Behauptung die Architektur sei eine Ursache der Misere. Die Architekten, die sonst gerne für sich in Anspruch nehmen mit ihrer Arbeit die Gesellschaft, die Welt zu beeinflussen, wiesen dabei jedes Mal alle Verantwortung kategorisch von sich. Das mag übereilt sein, richtig ist aber eben auch, dass Unruhen in allen Arten urbaner Umgebungen vorkommen. Zwar sei es, so Vanstiphout, in Frankreich 2005 und 2007 ausschließlich in zwischen den 1950er und 1970er Jahren errichteten Siedlungen zu Krawallen gekommen, Gegenbeispiele hierfür wären aber etwa Unruhen in Notting Hill 1958, Detroit 1967 oder Los Angeles 1992. Vanstiphout: „This does not suggest that there is a clear relationship between the architecture and the crime, however the broadwater riot […] led to a reaction, that was totally architectural. […] The reaction that the reason must lay in the design itself.“

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Abb.5: 'Die Hand des Architekten', Le Corbusiers Hand über dem Modell des 'Plan Voisin'. (via V&A Museum Blog)

Diese reflexhaften Anschuldigungen gegenüber der modernen Architektur im Allgemeinen – und der Le Corbusiers als deren Inkarnation im Speziellen – sind bisher ausgeblieben. Das verwundert dann doch, denn an sich wäre damit eine schnelle Erklärung bei der Hand. Ähnlich wurde eben auch in Frankreich, wo man den offensichtlich gescheiterten Großplanungen der 50er bis 70er Jahre mit einem nicht minder megalomanischen Plan Espoir Banlieue zu begegnen versucht. Natürlich ist das eine krasse Simplifizierung – aber so bedarf es eben nur einer anderen Planung, die dann alles zum besseren wenden wird. Sollte es sich bei den eigentlichen Ursachen um jahrhundertelange Unterdrückung, ein Erbe des Kolonialismus, Segregation, Armut oder schlicht blinde Zerstörungswut handeln, wäre das Problem um einiges komplexer. Im Augenblick sieht es erstaunlicherweise dann doch so aus, als bekäme diesmal tatsächlich „die Gier des Establishments“ oder sogar die neoliberale Politik selbst die Schelte. Der Gedanke, dass gewisse urbane Umgebungen Gewalt wenn nicht hervorbringen, so doch zumindest befördern, sollte dennoch haften bleiben. Vanstiphouts Analysen führen eine Komplexität der Thematik im architektonischen/urbanistischen Kontext vor Augen, an deren (weiterer) umfassender Diskussion kein Weg vorbei führt! Zumindest dann nicht, will man Vouter Vanstiphouts doch recht deprimierendes Fazit eher als Aufforderung zum Handeln – oder zumindest Nachdenken – denn als Anlass zur Resignation verstehen:

„After a riot your average city will become more afraid, more authoritarian, more segregated, more exclusive and less tolerant. That is the real tragedy of the post-war western urban riot, first it shocks and terrifies us, then for a moment it makes us see flashes of the kind of city we should be working towards, which then fades away into the darkness. Back to normal.“

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