Posts Tagged ‘Perzeption’

Alt-neue Geschichte.

September 21, 2011
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Abb.1: Flilip Dujardin, Fictions. (© Flilip Dujardin)

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Abb.2: MVRDV, Silodam, Amsterdam. (cc flickr/Alex Terzich)

Die Highligh Gallery San Francisco zeigt unter dem Titel Fictions einige Arbeiten des belgischen Fotografen Filip Dujardin. In den Architekturen, die Dujardin aus Fotografien collagiert, wirkt eine Art Verfremdungseffekt: was zunächst als vertraut und real (oder real-istisch) erscheint, ist nur die Oberfläche. Ein gewöhnlicher Häuserblock, entpuppt sich als ein Stapel gereihter Einzelhäuser (Abb.1), lange Riegel kragen kühn aus den Seiten eines Turmes (Abb.3). Auch wenn diese Entwürfe, wie Lebbeus Woods schreibt, auf den ersten Blick vielleicht lediglich zur Unterhaltung dienen könnten, würfen sie doch einige Fragen auf:

„The most obvious question that arises is about the buildings’ unusual forms. What, might we imagine, is the purpose of the buildings that demands their highly sculptural forms, assembled from what are clearly parts of ordinary buildings? A clue is found in Modernist architecture of the last century, […] Modern architecture had far-reaching ethical, even spiritual, consequences, but that wasn’t the only reason structurally daring buildings were proposed and sometimes built—it was also for the sheer, playful fun of it and an exuberant enjoyment of space.“

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Abb.3: Flilip Dujardin, Fictions. (© Flilip Dujardin)

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Abb.4: Georgy Chakhava, Georgisches Ministerium für Straßenbau, Tiflis, 1975. (cc flickr/socialsm expo)

Woods folgert aus Dujardins Fiktionen seien keine weiterreichenden Konsequenzen zu erwarten, da vor allem Folge einer bereits abgeschlossenen Phase visionärer Entwürfe seinen. Dies zeigt sich am besten an der vermeintlichen Vertrautheit dieser Art Architektur. Sie hat ihre Wurzeln in der bisweilen tatsächlich derartige Formen annehmenden Realität: MVRDVs Silodam (Abb.2) scheint nach einem ähnlichen Prinzip konstruiert wie Dujardins ‚Entwurf‘ (Abb.1). Georgy Chakhavas Gebäude für das georgische Straßenbauministerium (Abb.4)  – bekannt aus Frédéric Chaubins Fotoband CCCp – ist eine jener architektonischen Kühnheiten, die bisweilen die Wirklichkeit unwirklich wirken lassen und doch real sind.

Ob die (mögliche) Relevanz in Dujardins Fiktionen nun tatsächlich darin besteht, dass sie, wie Lebbeus Woods meint, etwas frischen Wind in diese alten Ideen brächten, möchte ich bezweifeln. Ein altes Konzept als ein neues verkaufen zu wollen kann an sich wohl kaum eine Leistung sein; auch wenn es gute, interessante und wichtige Ideen enthält. Das Wesentliche liegt aber vielleicht auch gerade in der Unmöglichkeit durch diese Art Fiktion neue Ideen hervorzubringen. Vielleicht führt die Gewöhnung oder gar Langeweile, die sich beim Betrachten bereits nach kurzer Zeit einstellt, auch schlicht vor Augen, dass die Zeit dieser Art von Fiktionen vorbei ist, gestern war. Womöglich bedeutet es ganz einfach, dass „sheer, playful fun […] and an exuberant enjoyment of space“ heute als architektonisch-formgebende Prinzipien überholt sind.

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Objet trouvé, Narrativ: Autofiktion.

Juli 27, 2011
Alexander Rischer - Nadelöhr

Abb.1: Alexander Rischer, Nadelöhr, 2006. (© Alexander Rischer, Kultur&Gespenster 7 (2008): 205.)

In einer älteren Kultur&Gespenster-Ausgabe stieß ich kürzlich auf ein Interview mit dem Fotografen/Künstler Alexander Rischer. Rischer fotografiert scheinbar banale Orte, Gebäude, Gegenstände. Deren Sinn erschließt sich meist nicht unmittelbar, bereits auf den zweiten Blick jedoch erscheinen sie merkwürdig kurios. Rischer sagt, er interessiere sich dabei vor allem für Orte, die auf etwas verwiesen. So einfach die Objekte formal sind, so komplex ist ihre Diegese. Erst durch die Erzählung des Künstlers erschließt sich ihr Gehalt. Die Fotografie mit dem Titel Nadelöhr (Abb.1) zeigt ein merkwürdig anmutendes, torartiges jedoch nur kniehohes Gebilde. Rischer berichtet hierzu, das Artefakt ersetze einen Baumstamm, dem im 16. Jh. heilende Kräfte zugesprochen wurden. Dieser Volksbrauch sei so beliebt gewesen, dass Landgraf Moritz zu Hessen den mit den Jahren morsch gewordenen Stamm durch eben jene Plastik habe ersetzen lassen, die noch heute nahe der Autobahn 4 zwischen Bad Hersfeld und Eisenach zu sehen sei. Ihn habe daran zum einen

„diese triumphbogenhafte Form [interessiert, S.S.], zum anderen dieses sehr rudimentär Zusammengefügte und dann diese, man muss ja sagen, etwas schnöde, beiläufige Aufstellung. Ich habe tatsächlich eine sehr viel musealisiertere Interpretation des Objektes an dieser Stätte dort erwartet, aber das ist tatsächlich unfassbar peripher und heruntergekommen an einem LKW Parkplatz.“

Rischers Beschreibung, wie der im Hintergrund sichtbare Ausschnitt des Kontextes lässt also vermuten, dass der nicht durch die Erläuterung des Künstlers aufgeklärte Betrachter, das Objekt wohl eher für eine kuriose Sitzgelegenheit und kaum für eine spätmittelalterliche Kultstätte gehalten hätte. Die Tatsache der Abbildung in Rischers Fotografie abstrahiert die unmittelbare Erfahrung dabei natürlich: allein durch sie bekommt das Objekt etwas besonderes, wird auratisiert. Beim Anhalten auf dem Rastplatz aber würde es wohl erst auf den zweiten Blick als bemerkenswert erscheinen, erst auf weitere Nachforschung hin seine Geschichte preisgeben. Das Nadelöhr zeigt möglicherweise, wie viel in einem scheinbar banalen Artefakt stecken kann. Womöglich illustriert das Beispiel aber auch, wie viel man in ein scheinbar banales Artefakt hineinstecken, daraufprojezieren kann. Rischers Narration erscheint plausibel, ist möglicherweise ‚wahr‘, könnte aber ebensogut Fiktion und für den Künstler gleichzeitg wirklich, eben Autofiktion sein.