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Geschichte ist spiralförmig!?

August 25, 2011
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Abb.1: Filter Architecture, Kamberovica-Park, Zenica, 2011. (Filter Architecture/via Baunetz)

Baunetz meldet die Fertigstellung des von Filter Architecture entworfenen Kamberovica-Parks in Zenica. Der Entwurf thematisiert die Geschichte Bosniens durch eine Freiraumgestaltung, die zeige wie sich die „Typologie des barocken Spiegelkabinetts auf eine zeitgenössische Parkgestaltung übertragen“ lasse. Die Besucher bewegen sich auf einem spiralförmigen, teilweise unterirdischen Rundweg in einer Art Spiegelkabinett. Auf diese Spiegel aufgebrachte, mit historischen Aufnahmen bedruckte Folien, stellten die Geschichte einer Nation aus. Elša Turkušić schrieb dazu bereits vor einiger Zeit in A10:

„The pavilion’s interior and the ‚circular‘ layout are strongly symbolic of historical determinism: a long path leading to a single entrance, followed by continuous one-way movement inside the ‚tube‘, eventually bringing the visitor back to the starting point.“

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Abb.2: Filter Architecture, Kamberovica-Park, Zenica, 2011. (Filter Architecture/via Baunetz)

Wie überzeugend Filters Bild einer ’spiralförmigen Geschichte‘ nun wirklich überzeugend ist, bleibe jedem selbst überlassen. Dasselbe gilt für die Beurteilung der formalen Ähnlichkeiten des Projekts zu anderen, beispielsweise denen Dan Grahams. Referenzen sind zweifellos eine legitime Praxis und Grahams Werk unbedingt bewundernswert. Die Frage ist letzten Endes eben nur, ob der Filter eben tatsächlich filtert und etwas Neues destilliert – oder schlicht Graham verdünnt.

David Maljkovic, Lost Memories from these Days , 2005.

Das ganze Projekt wie die Tatsache, dass es offenber überhaupt eine Meldung in deutschen Medien wert ist, erinnert an ein Statement des kroatischen Künstlers David Maljkovic. In einem Interview, das Yilmaz Dziewior für den Jahresring 56 (2010) mit dem Künstler führte, sagte dieser:

„I think that every heritage should be transparent and every history available, because with repression it often comes back from dark corners and burdens the next generation. […] We can feel that in contemporary art, for example. If the artist from the West is involved with his own heritage or activates that heritage in his own artistic practice, that will be seen as a normal process and it won’t be outshined. If the artist from the East deals with such a subject then that will become significant and sometimes even exotic. Cultural heritage of the West, because of its continuity and valuation, is not going to be subject to such readings.“

In seiner eigenen Arbeit beschäftigt sich Maljkovic ebenfalls mit der Geschichte seiner Heimat, deren Relikten und Reflektionen. Die Videoarbeit Lost Memories from these Days beispielsweise, beschreibt Felix Prinz in Texte zur Kunst als ein „Reenactment“ eines tatsächlichen historischen Moments. Ausgehend von einer Fotografie eines Autosalons der 1960er Jahre zeigt die Szene junge Frauen im italienischen Pavillion auf dem Zagreber Messegelände, die wie Hostessen an Autos lehnen. Allerdings verändert Maljkovic die Vorlage durch das Hinzufügen der Hostessen einerseits und ‚Bremsen‘, eher einer Art Parkkrallen, an die Fahrzeuge andererseits. Er stelle so „eine erstarrte Situation, in der buchstäblicher Fortschritt verhindert ist“ heraus (Prinz). In eben diesem Bezug auf die Historie nehmen seine Arbeiten im Umkehrschluss immer ebenso stark Bezug auf die Gegenwart.

Die von Filter Architectures entworfene Installation im Kamberovica-Park hat dabei vor allem zum Ziel, die „reiche mittelalterliche Geschichte – insbesondere in Zusammenhang mit dem alten Bosnien, vor der Osmanischen Besetzung im 15. Jh.“ [Turkušić, Übers.: S.S.] gegenüber der jüngeren, industriell geprägte Geschichte Zenicas herauszustreichen. Der dem historischen Bezug zwingend folgenden Rückbezug zur Gegenwart fehlt hingegen. Stellt man ihn selbst her, fragt man sich zwangsläufig, was ein Fokus auf die Geschichte vor dem 15. Jh. eigentlich für die Gegenwart, vor allem aber die gegenwärtige Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit bedeutet!?

Historie und Historiografie: Mahnmal Buchenwald.

Juli 5, 2011
Buchenwald

Abb. 1: Der Ettersberg bei Weimar. Der Glockenturm markiert den Beginn des Geländes des Konzentrationslagers Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

Das Mahnmal liegt abseits der Gedenkstätte und dem eigentlichen Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Vom Parkplatz führt der Weg, an dem sich auch ein kleiner Ausstellungspavillon befinden, durch ein Waldstück zu einem merkwürdig historistisch anmutenden Portal (Abb. 2). Es folgt der sogenannte Stelenweg, der über einige Dutzend Stufen hangabwärts führt; gesäumt von sieben, verschiedene Szenen aus dem Konzentrationslager zeigenden Reliefs. Die Stelen zeigen das Leiden der Opfer, das Morden der Täter, aber auch historische Dubiositäten wie ein „geheimes Thälmann-Gedenken“ kommunistischer Widerstandskämpfer.

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Abb. 2: Portal am Beginn des Stelenweges. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

An den Stelenweg schließt sich die Straße der Nationen an (Abb.3). Entlang dieser symbolisieren 18 Pylone die unterschiedlichen Nationalitäten (wohl nur einiger) der Opfer. Die von Feuerschalen bekrönten Pylonen, die Fahnenmasten, die breite des Weges: die Monumentalität bringt einen Heroismus zum Ausdruck, der befremdlich wirkt. Zu Beginn der Straße, etwa auf halbem Weg und nochmals am Ende befindet sich jeweils ein Erdtrichter. Kurz vor Befreiung des Konzentrationslagers hatten Einheiten der SS-Wachmannschaften hier die sterblichen Überreste von etwa 3000 Menschen in Erdsenken verscharrt. Die genannten drei wurden als ummauerte ‚Ringgräber‘ symbolisch in das Mahnmal einbezogen.

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Über eine breite Treppe führt der Weg schließlich zum Glockenturm hinauf. Der Hinaufsteigende erblickt die auf der weiten Fläche am Fuß des Turms angeordnete Figurengruppe. Der Bildhauer Fritz Cremer hat sie zu Ehren des Lagerwiderstandes entworfen (Abb. 4). Die Darstellung der zwar elenden, aber entschlossen Kämpfer entspricht deutlich dem Mythos einer Selbstbefreiung des Lagers durch – angeblich vornehmlich kommunistische – Gefangene. Der Glockenturm selbst ist keineswegs so hoch, wie man aus der Ferne erwartet haben mag. Erst durch die Lage auf dem Berg wird er weithin sichtbar und markiert so den Ettersberg als Ort des Konzentrationslagers.

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Abb. 4: Glockenturm am Mahnmal Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsche Fotothek)

Die Monumentalität, der national-traditionelle Stil, dessen Ausgestaltung hier mitunter gar an die nationalsozialistische Spielart neoklassizistischer Architektur erinnert – all das erklärt sich unmittelbar aus der Zeit. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sehr Historiografie im Rückblick selbst zum Betrachtungsgegenstand wird bzw. werden muss. Denn hier scheint es entgegen heutiger Auffassung weniger darum zu gehen, den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Die Anlage folgt im kleinen dem gesamtgesellschaftlichen ‚antifaschistischen‘ Narrativ der DDR. Durch die Fokussierung auf die vermeintlichen ‚kommunistischen Helden‘ dient dabei vor allem der Legitimation des Herrschaftsanspruchs der sozialistischen Führung. Das schmälert keineswegs die Würdigung der mitunter heldenhaften Selbstlosigkeit der kommunistischen Lagerkommitees, jedoch ist auch das nur teilweise Beweggrund für die Errichtung des Mahnmals gewesen. In der architektonischen Inszenierung wird der Besucher entlang eines Weges geführt, der kaum authentische Zeugnisse bereithält; falls man so etwas überhaupt finden kann. So ist es kein Zufall, dass sich das Mahnmal eher neben denn am tatsächlichen Ort der Verbrechen befindet. Zeitweise war sogar vorgesehen, die Überreste des eigentlichen Lagers abzureißen und die Flächen wieder aufzuforsten. Übrig bleiben sollte lediglich das Krematorium, das man damals als Ort der Ermordung Ernst Thälmanns annahm.

Die Frage nach der Authentizität eines Erinnerungsortes ließe sich sicherlich auch umgekehrt für die tatsächlichen Orte stellen. Vielleicht ist der Ort auch grundsätzlich nicht so sehr von Bedeutung wie man gemeinhin annehmen würde – der Ort des zentralen Denkmals für die ermordeten Juden Europas selbst ist schließlich auch kein solcher tatsächlicher Tatort. Die Motivation ist hier freilich eine andere, aber auch sie folgt einer gegenwärtigen Geschichtsauffassung, die sich von früheren unterscheidet und in der Architektur Niederschlag findet.