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Historie und Historiografie: Mahnmal Buchenwald.

Juli 5, 2011
Buchenwald

Abb. 1: Der Ettersberg bei Weimar. Der Glockenturm markiert den Beginn des Geländes des Konzentrationslagers Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

Das Mahnmal liegt abseits der Gedenkstätte und dem eigentlichen Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Vom Parkplatz führt der Weg, an dem sich auch ein kleiner Ausstellungspavillon befinden, durch ein Waldstück zu einem merkwürdig historistisch anmutenden Portal (Abb. 2). Es folgt der sogenannte Stelenweg, der über einige Dutzend Stufen hangabwärts führt; gesäumt von sieben, verschiedene Szenen aus dem Konzentrationslager zeigenden Reliefs. Die Stelen zeigen das Leiden der Opfer, das Morden der Täter, aber auch historische Dubiositäten wie ein „geheimes Thälmann-Gedenken“ kommunistischer Widerstandskämpfer.

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Abb. 2: Portal am Beginn des Stelenweges. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

An den Stelenweg schließt sich die Straße der Nationen an (Abb.3). Entlang dieser symbolisieren 18 Pylone die unterschiedlichen Nationalitäten (wohl nur einiger) der Opfer. Die von Feuerschalen bekrönten Pylonen, die Fahnenmasten, die breite des Weges: die Monumentalität bringt einen Heroismus zum Ausdruck, der befremdlich wirkt. Zu Beginn der Straße, etwa auf halbem Weg und nochmals am Ende befindet sich jeweils ein Erdtrichter. Kurz vor Befreiung des Konzentrationslagers hatten Einheiten der SS-Wachmannschaften hier die sterblichen Überreste von etwa 3000 Menschen in Erdsenken verscharrt. Die genannten drei wurden als ummauerte ‚Ringgräber‘ symbolisch in das Mahnmal einbezogen.

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Über eine breite Treppe führt der Weg schließlich zum Glockenturm hinauf. Der Hinaufsteigende erblickt die auf der weiten Fläche am Fuß des Turms angeordnete Figurengruppe. Der Bildhauer Fritz Cremer hat sie zu Ehren des Lagerwiderstandes entworfen (Abb. 4). Die Darstellung der zwar elenden, aber entschlossen Kämpfer entspricht deutlich dem Mythos einer Selbstbefreiung des Lagers durch – angeblich vornehmlich kommunistische – Gefangene. Der Glockenturm selbst ist keineswegs so hoch, wie man aus der Ferne erwartet haben mag. Erst durch die Lage auf dem Berg wird er weithin sichtbar und markiert so den Ettersberg als Ort des Konzentrationslagers.

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Abb. 4: Glockenturm am Mahnmal Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsche Fotothek)

Die Monumentalität, der national-traditionelle Stil, dessen Ausgestaltung hier mitunter gar an die nationalsozialistische Spielart neoklassizistischer Architektur erinnert – all das erklärt sich unmittelbar aus der Zeit. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sehr Historiografie im Rückblick selbst zum Betrachtungsgegenstand wird bzw. werden muss. Denn hier scheint es entgegen heutiger Auffassung weniger darum zu gehen, den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Die Anlage folgt im kleinen dem gesamtgesellschaftlichen ‚antifaschistischen‘ Narrativ der DDR. Durch die Fokussierung auf die vermeintlichen ‚kommunistischen Helden‘ dient dabei vor allem der Legitimation des Herrschaftsanspruchs der sozialistischen Führung. Das schmälert keineswegs die Würdigung der mitunter heldenhaften Selbstlosigkeit der kommunistischen Lagerkommitees, jedoch ist auch das nur teilweise Beweggrund für die Errichtung des Mahnmals gewesen. In der architektonischen Inszenierung wird der Besucher entlang eines Weges geführt, der kaum authentische Zeugnisse bereithält; falls man so etwas überhaupt finden kann. So ist es kein Zufall, dass sich das Mahnmal eher neben denn am tatsächlichen Ort der Verbrechen befindet. Zeitweise war sogar vorgesehen, die Überreste des eigentlichen Lagers abzureißen und die Flächen wieder aufzuforsten. Übrig bleiben sollte lediglich das Krematorium, das man damals als Ort der Ermordung Ernst Thälmanns annahm.

Die Frage nach der Authentizität eines Erinnerungsortes ließe sich sicherlich auch umgekehrt für die tatsächlichen Orte stellen. Vielleicht ist der Ort auch grundsätzlich nicht so sehr von Bedeutung wie man gemeinhin annehmen würde – der Ort des zentralen Denkmals für die ermordeten Juden Europas selbst ist schließlich auch kein solcher tatsächlicher Tatort. Die Motivation ist hier freilich eine andere, aber auch sie folgt einer gegenwärtigen Geschichtsauffassung, die sich von früheren unterscheidet und in der Architektur Niederschlag findet.

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