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Brutalismus revisited: gestern und heute.

Mai 16, 2012

Am Morgen des letzten Donnerstag fand ich mich im Foyer der von Werner Düttmann 1958-60 erbauten Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg in einer Menschenmenge. Brutalismus als Thema und Titel einer Konferenz hatte offenbar größeres Interesse geweckt, als es die Veranstalter vermutet hätten; die recht moderaten Teilnahmegebühren werde ihren Teil dazu beigetragen haben. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch zumindest eine vage Vorstellung zu haben, was genau man sich denn unter Brutalismus, auch jenseits der Architektur von Alison und Peter Smithson, vorzustellen hat. Das Diskussionspapier hatte ich im Zug noch kurz überflogen, je mehr jedoch im dann Folgenden darüber gesagt werden sollte, desto diffuser wurde mein zuvor so klar-unklares Bild.

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Abb. 1: Werner Düttmann, Akademie der Künste, Berlin (Hansaviertel), 1957-60. (cc wikimedia commons)

Werner Oechslin, der gleich nach dem üblichen Eröffnungsgeplänkel und einer kurzen Einführung Werner Durths aufs Podium trat, konnte, oder eher wollte, meiner Orientierungslosigkeit wenig Abhilfe leisten: Was man denn jenseits von Alison und Peter Smithson überhaupt unter Brutalismus zu verstehen habe, fragte er? Seit Wölfflin wisse man ja, dass letztlich die (moderne) Architektur mindestens ihre Begriffe aus der Kunstgeschichte erhalten habe – inklusive des Dranges alles periodisieren, in Epochen einteilen zu wollen. Allgemein führe das jedoch zu viel zu starken Verallgemeinerungen. Denn diese Periodisierungen griffen notwendigerweise zu kurz. Irgendwo sei das zwar notwendig, wenn man es aber „wirklich ernst meine“, müsse man sehr viel präziser sein; dann könne von Barock beispielsweise nur mehr für die Zeit von 1620-30 gesprochen werden. Ähnliches dürfe wohl also auch für Historie und vor allem Historiografie der Architektur des 20. Jahrhunderts gelten. Von der ‚klassischen Moderne‘ hätten die Protagonisten dessen, was man heute unter Brutalismus verstehe, schließlich bereits gelernt, wie man ein bestimmtes historisches – respektive: historiografisches – Narrativ, nicht ausschließlich aber vor allem, ikonografische konstruiert. Oechslin schien mir mein Ausgangsniveau so zumindest in gewisser Weise nivelliert zur haben: ich weiß, dass ich nichts weiß. Das  im weiteren Verlauf der Konferenz von praktisch jedem Referenten zitierte Werk Reyner Benhams [Brutalismus in der Architektur. Stuttgart, Bern: K. Krämer, 1966.] – dass ich in der Zwischenzeit nicht hatte lesen können – führte mir die zweifellos zahlreichen verbleibenden Lücken dann aber doch immer wieder vor Augen.

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Abb. 3: Alison and Peter Smithson, Hunstanton Secondary School, Hunstanton, 1949-54. (cc flickr/A. Armstrong)

Das Symposium gliederte sich in vier verschiedene Blöcke zu Theorie- und Begriffsgeschichte (Block I), Brutalismus in … den verschiedenen Ländern (Block II und III) sowie einen zu Brutalismus und seine Folgen (Block IV). So präzise die Titel zunächst schienen, so unterschiedlich gestaltete sich die Dikussion. Oechslin war gleich recht ‚hart‘ eingestiegen, indem er die Verwendung des Begriffs jeneseits des britischen New Brutalism generell in Frage stellte. Stanislaus von Moos thematisierte die Ausgangslage in der Nachkriegszeit als eine Situation des Ruinösen, des Ruins. Die Städte – nicht nur in Deutschland – waren zu großen Teilen zerstört, die politische Situation nach der Sieg über den Nationalsozialismus vom aufkommenden Kalten Krieg geprägt. Hier zeigte sich meiner Ansicht nach auch bereits eine gewisse Parallele zur gegenwärtigen Situation. Sicherlich ist beides nicht vollständig vergleichbar – ein totaler Krieg ist uns erspart geblieben –, Doch die räumliche Situation der durch Spekulation verwüsteten Städte vor allem in den USA aber auch in Europa, zeigt sich änhlich desaströs. Mehr noch könnte man die Verbindung jedoch vielleicht in einem ideologischen Ruin sehen. Freilich schlugen keineswegs alle Redner in diese Kerbe; auch von Moos‘ tat das wohl vor allem in meiner Interpretation. Meine Betrachtung hat also eine dezidierte Perspektive, die sich von anderen oder gar einer allgemeinen Lesart der Ergebnisse dieser Konferenz deutlich unterscheiden mag. Kenneth Framptons Vortrag war in dieser Hinsicht beispielsweise wenig ertragreich; wenngleich ich auch insgesamt nicht so recht zu sagen vermag, worum es ihm nun eigentlich ging.

Die beiden Blöcke zu den geographisch vermeintlich unterschiedlichen Situationen zeigten vor allem, dass Brutalismus – ob in Frankreich, Italien, Deutschland oder Japan – außerhalb Großbritanniens ein problematischer Begriff ist und bleibt. Jörg Gleiter und Phillipp Ursprung haben ihn für Japan bzw. die Schweiz explizit nicht verwenden wollen. Sie bezogen sich vor allem auf ideelle, konzeptionelle Parallelen. Gegenüber solchen Vorträgen, die tatsächlich eine formal brutalistische Architektur zu identifizieren versuchten, hatten diese und weitere freilich insofern etwas vorraus, als sie über den jeweiligen geographischen Kontext hinauswiesen.

Dirk van den Heuvels machte sich in seinem, eigentlich der Situation in den Niederlanden gewidmeten Vortrag beispielsweise daran, Reyner Benhams Definition / Interpretation in Frage zu stellen. In einem Interview mit Hans-Ulrich Obrist [Smithson Time. A Dialogue. Köln: Walther König, 2004.] habe Peter Smithson gesagt, Benham habe keineswegs über Brutalismus geschrieben. Die Frage, was es denn dann gewesen sei, wurde zu recht gestellt, blieb jedoch letzten Endes unbeantwortet. Van den Heuvel stellte vielmehr die Brüche innerhalb bzw. die verschiedenen Phasen, wenn man so will, des brutalistischen Diskurses heraus. Von der formalen warehouse aesthetic über die urbanistischen Themen und zurück. Hier zeigt sich einmal mehr, wie schwer greifbar der Begriff eigentlich ist, wenn man ihn über die Smithsons oder vielleicht noch das Team X hinaus anzuwenden versucht.

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Abb. 3: ATBAT, Cité Verticale, Casablanca, 1953. Modell in der Ausstellung In der Wüste der Moderne, 2008. (cc flickr/P. Messner)

Tom Avermaetes Beitrag ‚Une architecture autre‘: Brutalism in Post-War France hatte zwar einen deutlicher geographisch abgegrenzten Fokus, verwies aber auf die allgemeine Bedeutung des Brutalismus als eine Alternative zur Klassischen Moderne in der sich Entwicklenden Konsumgesellschaft und – wichtig für den französischen Kontext – der Dekolonialisierung. Entlang dem Werk der Gruppe ATBAT erläuterte Avermaete die Ideen der französischen ‚Brutalisten‘. Jenseits ästhtetischer Kategorien habe dabei der Mensch in der Person des Bewohners im Mittelpunkt gestanden. Die konkreten Architekturen näherten sich dabei ingenieurstechnischen Konstruktionen: „The materiality and composition of ATBAT buildings relate to the experiments with dams, bridges and roads. The buildings are in the realm of infrastructure-architecture.“ Hier zeigt sich ganz konkret eine weitere Thematik, die allgemeiner erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt sind. (vgl. z.B. Programme wie das network architecture lab oder das infranet lab, Blogs wie mammoth oder city of sound, Konferenzen wie landscape-infrastructure im März dieses Jahres.) Einzig die Terminologie zur De-Kolonialisiserung war hier ein zu Recht kritisierter Aspekt. Das Ende des Kolonialismus ist sicherlich eine für die französische Nachkriegsgeschichte nicht zu unterschätzendes Phänomen, die Dekolonialisierung jedoch eher eine Bewegung innerhalb der ehemals kolonisierten Gesellschaften. Gerade im Mahgreb und vor allem in Algerien ist dieser Ablösungsprozess bekanntlich ein schwieriger und blutiger gewesen.

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Abb. 4: Gottfried Böhm, Rathaus Bensberg, 1964-69, Bensberg. (cc wikimedia commons)

Luca Molinari schilderte die besondere Situation im Italien der Nachkriegszeit, wo auf den auch im Faschismus weiter existierende Rationalismo mit dem Neo-Liberty eine eigene Gegenbewegung zur Moderne entwickelte; erst der Brutalismus habe hier, so Molinari, die Möglichkeit einer neuen ‚Moralisierung‘ der Moderne eröffnet. Die Situation ist, wie gesagt, eine besondere und nicht ohne weiteres verallgemeinerbar.

Adrian von Buttlar thematisierte schließlich in die Situation in Deutschland, ausgehenden von der Frage Stunde 0 – Kontinuität oder Bruch? Arno Brekers Entwurf für den Sitz des Oberkommandos des Heeres in der geplanten Welthauptstadt Germania an und vergleich diesen mit dem tatsächlich gebauten Gebäude des Gerling-Konzerns, scheint die Sache klar – wieso sollte es auch ausgerechnet in der Architektur anders sein, als in anderen Feldern? Buttlar durchmaß quasi das gesamte bekannte Feld von Corbusier über Oswald Matthias Ungers bis zum, wie er es nennt, ‚Trivialbrutalismus‘ (west-)deutscher Stadtverwaltungen. Dass er dann aber auch Gottfried Böhms Rathaus in Bensberg (Abb. 4) in diese Reihe brutalistischer Architekturen stelle, ging einigen doch zu weit. Die Kritik bezog Buttlar dann aber weniger auf seinen Vortrag, denn als weiteren Hinweis auf die Schwierigkeit der präzisen Abgrenzung/Unterscheidung.

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Abb. 5: Peter Märkli, La Congiunta. Museum Hans Josephson, Giornico, 1989-92. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiter und Phillip Urspung klammerten die formalen Aspekte dann auch von vornherein aus. Es habe, so Ursprung, in der Schweiz eben keine brutalistische Architektur, sondern (wenn überhaupt) nur brutalistische Konzepte gegeben. Die vermuteten Ursachen sind dabei durchaus überzeugend: in der Schweiz gab es keine Kriegszerstörung und in einem so stark dezentral organisierten Land gibt es ohnehin weniger bis gar eine großmaßstäblichen Projekt. Entsprechend nannte Ursprung Brutalismus ein Phantom, das nur in seiner Abwesenheit präsent sei. Als Beispiel führte er Peter Märklis Museum für den Bildhauer Hans Josephson, La Congiunta, an. (Abb. 5). Formal evoziere es zwar brutalistische Einflüsse, es sei jedoch eher nicht davon auszugehen, dass Märkli sich tatsächlich für diese Architektur interessierte.

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Abb. 6: Tokio 1945. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiters Vortrag zur Situation im Japan der Nachkriegszeit bezog sich ebenfalls weniger auf bewusste Einflüsse. Die kollektiven psychischen Traumata der japanischen Gesellschaft, die das erste mal einen Krieg verloren und sich dem Diktat einer ausländischen Macht zu unterwerfen hatte, überschnitten sich mit einer Umwelt der totalen Zerstörung. Aus der europäischen Perspektive hat man bei dem Gedanken an jene Zeit in Schutt und Asche liegende Siedlungen vor Augen. In Japan hingegen stand praktisch nicht mehr; die in Holzbauweise errichteten Städte waren durch die Angriffe mit Brandbomben vollständig dem Erdboden gleich gemacht. Die japanische Auseinandersetzung mit dem Westen ist ein viel komplexeres Phänomen, als dass ich es hier auch nur kurz wiederzugeben vermochte. Der Einfluss brutalistischen Gedankenguts ist evident, was entstand jedoch, unterscheidet sich deutlich.

Die folgende Diskussion ging über die unmittelbar vorangegangenen Vorträge weit hinaus und bildete in gewisser Weise sogar den Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Werner Durths plädierte gegen reine Stildiskussion, wie sie sich anzubahnen drothe, und schlug vielmehr eine heuristische Herangehensweise vor. Dieser Beitrag erscheint mir vor allem deshalb so wichtig, weil es meiner Ansicht nach letzten Endes weniger um die konkreten Architekturen geht. Auch glaube ich kaum, dass das wieder erwachende Interesse an einer Haltung, die man nur so vage mit dem Begriff des Brutalismus fassen kann, einzig dem Umstand zu verdanken ist, dass viele seiner wichtigen Bauten vom akuten Verfall oder, schlimmer noch, vom Abriss bedroht sind. Vielleicht ist es eben tatsächlich jene Situation des des Ruins – der ökonomischen, politischen und letztlich der moralischen Autoritäten –, die teilweise eine Rückbesinnung auf eine, wenn man so viel, ‚Ethik‘ begünstigt.

Die letzten Vorträge waren, zumindest unter diesem Gesichtspunkt, vergleichsweise unspektakulär. Was als Brutalismus und die Folgen angekündigt war, hätte wohl besser … und die Relikte geheißen. Die bis dahin doch ziemlich unterrepräsentierten Denkmalpfleger fanden mit Vortrag Ingrid Scheuermanns ihren Anknüpfungspunkt und eroberten in der abschließenden Diskussion die Bühne vom Publikum aus. Zu den dann in erschöpfender Breite debattierten Themen, vermochte bis auf die Denkmalpflegerin Scheuermann kaum einer der übrigen auf dem Podium (Joan Ockman, Beatriz Colomina, Stephen Bates) etwas zu sagen; zumal sich dann auch noch die Simultanübersetzung vorzeitig verabschiedete.

Zusammenfassend sind von der Konferenz nur wenige Antworten und viel mehr Fragen ausgegangen. Zu recht kann sie so wohl weniger als eine Bilanz, als vielmehr ein Ausgangspunkt einer umfassenden Betrachtung dieser wichtigen Bewegung der Architektur des 20. Jahrhunderts gesehen werden.