Posts Tagged ‘Berlin’

Gated Communities: Spitze des Eisbergs.

Juni 4, 2011

In der vergangen Woche sprach der Soziologe Marcus Termeer, im Rahmen einer Tagung in Weimar (.pdf), von der Renaissance des Dienstpersonals im postfordistischen Haushalt. Glaubt man Termeer, ist Dienstpersonal gegenwärtig (wieder) verstärkt anzutreffen; ein Phänomen, das sich seiner Ansicht nach in der Figur des Concierge manifestiert. Die Sichtbarkeit des Concierge spiele dabei als Symbol des sozialen Status seiner ‚Herrschaft‘ eine besondere Rolle spielt. Historisch betrachtet sei hingegen vor allem auf Unsichtbarkeit des Dienstpersonals wert gelegt worden. Es sind jedoch nur einige Aspekte des Vortrags, die mir hier als Ausgangspunkt dienen sollen – und das Dienstpersonal wie das übergeordnete Tagungsthema der Dienstbarkeitsarchitekturen gehören nicht dazu. Die – ob nun zu Recht oder zu Unrecht – kritisierte Methodik des Vortrags, respektive des Referenten, seien ebenfalls ausgeklammert.

Townhouses Berlin

Abb.1: 'Townhouses' in Berlin-Mitte. (cc wikimedia commons)

Das bauliche Pendant des Dienstpersonal manifestiert sich in sogenannten ‚Gated Communities‘ und ‚Serviced Apartments‘. Termeer stellte eines der für mich einprägsamsten weil absurdesten Projek, die Car Lofts, vor. Hier können die Bewohner ihren Wagen mit Hilfe eines Aufzugs unmittelbar vor ihrem Apartment parken. Womöglich auch um der in Berlin-Kreuzberg offenbar eklatanten Gefahr zu entgehen, ihr tendenzielle eher teures Gefährt des Nachts in Flammen aufgehen sehen zu müssen. Die meisten Projekte, wie beispielsweise die Klostergärten in Münster, sind freilich etwas konventioneller. Insgesamt jedoch stellen auch auch sie eher kein flächendeckendes Phänomen dar. Doch ebenso wie der Concierge lediglich der sichtbarste Ausdruck einer Renaissance des Dienstpersonals ist, sind die angeführten Beispiele auch nicht mehr als die Spitze eines Eisberges. Termeer weist auf den Umstand hin, dass heute keineswegs nurmehr die kleine Oberschicht ein Heer von Bediensteten beschäftigt, sondern die Putzfrau heute auch in mittelständischen Haushalten häufig anzutreffendes ist. Man könnte das als eine Art Demokratisierung werten und letzten Endes wird wohl weder das DINKY-Pärchen, noch die deren Altbauwohnung sauber haltende Putzfrau das für ein grundsätzliches Problem halten. Hier zeigt sich dann auch wo der Haken liegt, an dem der Versuch eine direkte Korrelation zwischen (potentiell) prekären Beschäftigungsverhältnissen und einer Stadtentwicklung durch einzelne Luxus-Apartmentanlagen zu etablieren, sich unfreiwillig aufzuhängen droht.

Chorweiler

Abb. 2: Sozialer Wohnungsbau in Köln-Chorweiler. (cc dev null/Flickr)

Termeer identifiziert als Kernproblem, dass im Fokus kommunaler Politik heute weniger der Bürger stehe, sondern vielmehr der Kunde in der Figur des finanzstarken Investors, Immobilienbesitzers oder Touristen. Die Städte sähen sich dabei in Konkurrenz zu einander und ihr Handeln werde maßgeblich von diesem Denken bestimmt.

Am Center for Advanced Studies (CAS) der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München untersucht eine Forschergruppe ähnliche Phänomene in größerem Maßstab. Die Gestaltung nationaler Wirtschafts- und Steuerrechtssysteme im internationalen Zusammenhang konfrontieren sie mit der Frage nach dem Recht als Produkt? Es ist die analytische Betrachtung einer Situation, in der das Recht als ‚Ware‘ gehandelt wird und in der Anbieter – in diesem Fall eben unterschiedliche Staaten – im Wettbewerb zueinander stehen bzw. sich als Konkurrenten wahrnehmen und entsprechend verhalten. In der Konkurrenz unterschiedlicher legislativer Systeme geht es dabei vor allem um die Migration von Unternehmen und Arbeitsplätzen, d.h. Kapital. Die damit verbundenen widerstreitenden Interessen zu einem Konsens zu führen, ist letztlich der Kern jeder gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Eine direkte Anwendung dieser Analyse auf die kommunlae Ebene ist methodisch womöglich eher problematisch. In gewisser Weise jedoch kann kommunale Wirtschaftsförderung aber ebenso sehr als Wettbewerb eines Rechtssystems mit einem anderen, beispielsweise über die Ausgestaltung der Gewerbesteuer, verstanden werden.  Eine wesentliches Problem der Konkurrenz legislativer Systeme, beschrieb Prof. Dr. Anne Peters in einer Diskussionsrunde im Dezember vergangenen Jahres:

„[A, S.S.] main argument of the proponents of competition between legal systems is the democracy argument. From the public choice perspective, competition between legal system is regarded as up to rectifiy the structural bios of the domestic democratic process, which is thought to be flawed by the undue influence of interest groups. However there is the risk that legal competition rather than breaking up the ridgidities of the political process, may again give preference to special interests. This is clearly the case, because those players who can vote with their feet more or better than any others are exactly the same players as those who are anyway having an advantage in lobbying.“

Tatsächlich scheint es so, dass der Versuch den Interessen bestimmter Gruppen entegenzukommen, deren Einfluss eher noch verstärkt. Das darf nicht nur juristische, sondern ebensosehr für alle anderen gesellschaftlichen Fragen, seien sie wirtschaftlicher, sozialer oder auch architektonischer Natur, gelten. Der der Struktur eines Rechtssystems vorangehenden politischen Aushandlungsprozess ist hier möglicherweise offensichtlicher, aber planerischen Entwicklungsprozesse liegen natürlich ebenfalls und ganz maßgeblich gesetzliche und damit politische Vorgaben zugrunde.

Koolhaas Checkpoint-Charlie

Abb. 3: Rem Koolhaas Haus Checkpoint-Charlie, das teilweise geförderten Wohnraum beinhaltet. (cc wikimedia commons)

Vor diesem Hintergrund erscheinen mir hier weniger die Partikularinteressen einer kleinen Zahl potentieller ‚Gated Community‘-Bewohner, als vielmehr die einer ungleich größeren Zahl mittelständischer Putzfrauenarbeitgeber sehr problematisch. Eine direkte Übertragung individualistisch-suburbaner Muster, wie sie sich geradezu grotesk Car Lofts zeigt, wird sicherlich ein Einzelfall bleiben. Die Gentrifizierung innerstädtischer Viertel zeigt sich flächendeckend eher Eigentumswohnungen und ‚Townhouses‘. Das alles ist bekannt und wird kritisch begleitet. In einem offenen Brief verwahrten sich jüngst eine ganze Reihe (Berliner) Architekten gegen eine Vereinnahmung ihrer Projekte für die Fortschreibung der Politik des ehemaligen Senatsbaudirektors Stimmann, in dessen geplanter Publikation Stadthäuser. Kritisiert wird dabei eine Baupolitik, die soziale Segregation befördere und „all jene exkludiert werden, die sich nicht mit Eigentumsrechten munitionieren können oder wollen.“ (brandlhuber+) Das verstärkte Interesse an innerstädtischem Wohnraum ist seit einigen Jahren evident und eine Politik, welche die Interessen jener befördert, die „ohnehin einen Vorteil im Lobbying haben“ (Anne Peters) zweifellos kritisch zu betrachten. Vielerorts anzutreffende Initiativen zur Verhinderung solcher Projekte sind dabei möglicherweise punktuell hilfreich, im Ganzen gesehen jedoch in gewisser Weise ebenso problematisch. Denn letzten Endes ist das Interesse einer finanzstarken Oberschicht an innenstadtnahem Wohnen nicht weniger berechtigt, als das des sozialen Prekariats und all jener, die sich zwischen diesen Extremen verorten können. Darüber hinaus sind alle diese Initiativen zuerst nur bloße Reaktion von einem konkreten Standpunkt und erst in zweiter Linie aktives Eintreten für allgemeine Interessen. Stellenweise mag es gelingen den erzwungen Wegzug bestimmter Bevölkerungsteile zu verhindern; in den meisten Fällen jedoch wird dies wohl lediglich ein zeitweiliges Aufhalten bzw. Verlangsamen des Gentrifizierungsprozesses bedeuten. Die Programme des sozialen Wohnungsbaus und die Förderung genossenschaftlichen Bauens im 20. Jahrhundert, hatte hier einen anderen Ansatz. Die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende stetige Abnahme des geförderten Wohnraums ist dabei erst ganz am Ende eine planerisch-architektonische Frage. Dem voran steht auch hier eine legislative, eine politische Entscheidung, die das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen verschieden Interessengruppen repräsentiert. Sind jedoch deren Möglichkeiten zur Artikulation ihrer Anliegen deart unterschiedlich, oder in einigen Fällen schlicht nicht vorhanden, entsteht eine Situation wie die derzeitige.

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Hans Kollhoff: Der Geist der Architektur.

Mai 16, 2011

„Was ist zeigemäßes Bauen?“ fragt Hans Kollhoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Mai. Der Beitrag ist in erster Linie eine Antwort auf Kritik an den Ergebnissen des Wettbewerbs (.pdf) für die Neubebauung des Frankfurter Römers, im Kern jedoch geht es – zumindest suggeriert dies der Titel – um etwas anderes. Die für die Frankfurter Innenstadt vorgeschlagene Bebauung und die daran geübte Kritik spielen deshalb für die folgende Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Als Ausgangspunkt seiner Replik wählt Hans Kollhoff die Feststellung, die Tektonik als Konstante einer Jahrtausende überspannenden Architekturgeschichte sei nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Deutschland „auf dem Müll“ gelandet. Jedoch sei eben diese das Bindeglied zwischen dem Mensch und seinen Artefakten und erst der Verlust des Tektonischen habe uns dessen Notwendigkeit Augen geführt. Gottfried Semper unterteilte die Konstruktion in symbolische und technische Elemente, eine Einteilung, die Kenneth Framptons in seinen Studien zur Kultur des Tektonischen in repräsentierende und ontologische, d.h. kommunizierende Aspekte übersetzte. Semper hatte die Architektur in vier grundlegende, sich historisch nur oberflächlich verändernde Elemente unterteilt: Den Erdaufwurf (Fundament), das Dach (Tragstruktur), den Herd und die umschließende Haut. Für Frampton verdeutlicht Sempers Unterteilung „den Unterschied zwischen dem Verkleidungssystem, das die unter der Oberfläche befindliche wirkliche Konstruktion repräsentiert, und einem Bau, der gleichzeitig seine Grundstruktur und seine Bekleidung zum Ausdruck bringt.“ Diese Dichotomie müsse für die Architektur jeweils neu formuliert werden, „da Bautyp, Technik, Topografie und zeitliche Umstände jeweils zu einer anderen kulturellen Konstellation führen.“Wie also kann eine solche Formel heute lauten und, hier vielleicht noch entscheidender, findet sie ihre Artikulation in der Architektur Hans Kollhoffs? Letzten Endes kritisiert Frampton den Zustand der Architektur nicht weniger als Kollhoff das tut, jedoch mit einem grundlegend anderen Ansatz. Während dieser eine vermeintliche Entfremdung ‚der Bürger‘ – wer auch immer das sein soll – auf symbolischer bzw. repräsentierender Ebene beklagt, sah sich jener bereits zu Beginn der 1990er Jahre mit einer ganz anderen, tiefergehenderen weil ontologischen Problematik konfrontiert. Die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft hatte bereits vor zwanzig Jahren dazu geführt, dass die technischen Installationen gegenüber der Konstruktion längst den weitaus größeren Teil der Baukosten eines Gebäudes ausmachten; ein Zustand, der sich heute tendenziell eher noch verschärft haben dürfte. Die Betonung des Tektonischen gegenüber dem Szenografischen der Architektur beschreibt er nun als „eine Taktik, durch die die Widerstandskraft gegen ihre weitere Auflösung mittels einer Maximierung von Technologie erhöht wird.“

Potsdamer Platz, Berlin

Abb.1: Potsdamer Platz, Berlin. In der Mitte das DaimlerChrysler-Gebäude von Hans Kollhoff. (Foto: cc bagalute, Flickr)

Der Einsatz „des Tektonischen als Mittler bei der Schlichtung der wachsenden Konfrontation zwischen Technologie und Umwelt.“ hingegen ermögliche eine Synthese der widerstreitenden Teile. Nun dagegen Kollhoff:

„Wenn aber die Notwendigkeit besteht, einen Baukörper zusammenzuhalten, weil die Öffnungen zusehends größer werden oder die Hausfront immer breiter, ist der Griff nach einem Gurtgesim selbstverständlich. Wenn dieses sowohl trennen als auch verbinden soll, werde ich über Rundungen des Profils nachdenken. Auch das ist nicht historistisch, auch nicht ornamental oder gemoetrisch, sondern eminent tektonisch und damit das Wesen des Architektonischen, von dem Schinkel gesprochen hat.“

Das mag zutreffen oder auch nicht, entscheidend ist vor allem wie Kollhoff hier ausschließlich auf der Ebene des Repräsentierenden argumentiert. Mit Hinblick auf frühere Bauten Kollhoffs muss das nicht nur auf einer diskursiven, sondern auch einer ganz praktischen Ebene als problematisch erscheinen. Deutlich zeigt dies die Fassade des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (Abb.1). Mit halbierten Klinkern verblendente Elemente ermöglichten hier eine vermeintlich ökonomische Realisierung des Entwurfes im Stil früherer Hochhausbauten, der als wirkliches Verblendmauerwerk von kaum möglich gewesen wäre. Seit einigen Jahren zum Schutz vor herabfallenden Ziegelhälften erforderliche Gerüste versinnbildlichen heute das Scheitern einer Ästhetik, die den Konflikt von Tektonik und Technik nicht schlichtet sondern verschärft. Ein sich allein auf das Repräsentierende konzentriertende Architektur muss scheitern, weil sie am eigentlichen Wesen der Dinge vorbeiläuft. Der geschichtsbewusste Geist Hans Kollhoffs entpuppt sich so, einmal tatsächlich gebaut, als ein rechtes Gespenst.