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Objet trouvé, Narrativ: Autofiktion.

Juli 27, 2011
Alexander Rischer - Nadelöhr

Abb.1: Alexander Rischer, Nadelöhr, 2006. (© Alexander Rischer, Kultur&Gespenster 7 (2008): 205.)

In einer älteren Kultur&Gespenster-Ausgabe stieß ich kürzlich auf ein Interview mit dem Fotografen/Künstler Alexander Rischer. Rischer fotografiert scheinbar banale Orte, Gebäude, Gegenstände. Deren Sinn erschließt sich meist nicht unmittelbar, bereits auf den zweiten Blick jedoch erscheinen sie merkwürdig kurios. Rischer sagt, er interessiere sich dabei vor allem für Orte, die auf etwas verwiesen. So einfach die Objekte formal sind, so komplex ist ihre Diegese. Erst durch die Erzählung des Künstlers erschließt sich ihr Gehalt. Die Fotografie mit dem Titel Nadelöhr (Abb.1) zeigt ein merkwürdig anmutendes, torartiges jedoch nur kniehohes Gebilde. Rischer berichtet hierzu, das Artefakt ersetze einen Baumstamm, dem im 16. Jh. heilende Kräfte zugesprochen wurden. Dieser Volksbrauch sei so beliebt gewesen, dass Landgraf Moritz zu Hessen den mit den Jahren morsch gewordenen Stamm durch eben jene Plastik habe ersetzen lassen, die noch heute nahe der Autobahn 4 zwischen Bad Hersfeld und Eisenach zu sehen sei. Ihn habe daran zum einen

„diese triumphbogenhafte Form [interessiert, S.S.], zum anderen dieses sehr rudimentär Zusammengefügte und dann diese, man muss ja sagen, etwas schnöde, beiläufige Aufstellung. Ich habe tatsächlich eine sehr viel musealisiertere Interpretation des Objektes an dieser Stätte dort erwartet, aber das ist tatsächlich unfassbar peripher und heruntergekommen an einem LKW Parkplatz.“

Rischers Beschreibung, wie der im Hintergrund sichtbare Ausschnitt des Kontextes lässt also vermuten, dass der nicht durch die Erläuterung des Künstlers aufgeklärte Betrachter, das Objekt wohl eher für eine kuriose Sitzgelegenheit und kaum für eine spätmittelalterliche Kultstätte gehalten hätte. Die Tatsache der Abbildung in Rischers Fotografie abstrahiert die unmittelbare Erfahrung dabei natürlich: allein durch sie bekommt das Objekt etwas besonderes, wird auratisiert. Beim Anhalten auf dem Rastplatz aber würde es wohl erst auf den zweiten Blick als bemerkenswert erscheinen, erst auf weitere Nachforschung hin seine Geschichte preisgeben. Das Nadelöhr zeigt möglicherweise, wie viel in einem scheinbar banalen Artefakt stecken kann. Womöglich illustriert das Beispiel aber auch, wie viel man in ein scheinbar banales Artefakt hineinstecken, daraufprojezieren kann. Rischers Narration erscheint plausibel, ist möglicherweise ‚wahr‘, könnte aber ebensogut Fiktion und für den Künstler gleichzeitg wirklich, eben Autofiktion sein.