Natürlich Fiktion: Kultur als Natur.

Juli 8, 2011

Der Podcast eines Vortrags des Biologen Hansjörg Küster bildet den neuesten Eckpunkt eines Feldes, das sich in den Vergangenen Jahren um den doch recht weitgreifenden Begriff der Landschaft erstreckt. Küster beleuchtet die Thematik vor allem aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive, jedoch ohne kulturwissenschaftliche Aspekt unberücksichtigt zu lassen. Einen weiteren Eckpunkt bildet für mich David Blackbournes Buch The Conquest of Nature. Der Autor beschreibt darin die Geschichte des Wasserbaus im weitesten Sinne, beginnend Mitte des 18. Jh. Die Analyse der Etablierung des heutigen bis heute und darüber hinaus immer wieder veränderten Landschaftsbildes als ’natürlich‘ – und verbunden damit als schützenswert – ist sehr interessant. Die Existenz eben dieses Prozesses selbst hingegen erscheint dabei weniger überraschend.

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Abb.2: Buchenurwald. (CC flickr / shinkusano)

Küster stetzt findet hier einen anderen Ansatz, der auch zeitlich wesentlich weiter zurückreicht. Mit Küster beginnt der Einfluss des Menschen auf die Landschaft bereits vor über 7000 Jahren, mit dem Sesshaftwerden des Menschen. Zu jener Zeit war Mitteleuropa praktisch komplett bewaldet, der Mensch hat bisher kaum aktive Eingriffe vorgenommen. Der ersten Bauern bewirtschafteten ihre Äcker nur für einige Jahrzehnte, manchmal auch Jahrhunderte, verließen sie dann aber wieder. Den Einfluss des mit der Ansiedlung verbundenen Rodens, der zu dieser Zeit größtenteils aus Eichen bestehenden Wälder, sei, so Küster, sehr nachhaltig gewesen. Die damals gewählten Siedlungsorte sind oft bis heute bewohnt aufgrund der Begrenztheit verfügbarer Ressourcen, verlagerten sich die Siedlungen jedoch immer wieder leicht. Auf den nun brachliegenden Ackerflächen konnte so neuer Wald entstehen:

„Und es ist jetzt die große Frage, ob das immer wieder dazu führte, dass immer wieder genau der gleiche Wald, nach diesen hundert Jahren wieder entstanden ist. […] aus den Pollenuntersuchungen wissen wir, dass dies nicht so war. Sondern wir können feststellen, dass in dieser ganzen Zeit, in der immer wieder Siedlungen neu gegründet wurden und aufgegeben wurden, bei den Neuentstehung von Wäldern, die Entwicklung nicht bei der Eiche stehengeblieben ist, sondern dann Buchenwälder entstanden sind.“

Die Ausbreitung der Buche habe sich bis zum Beginn des Mittelalters und bis an ihre heutigen Verbreitungsgrenzen in Südengland, in Südskandinavien und an der Polnischen Ostseeküste fortgesetzt. Mit dem Aufkommen eines neuen Systems, in dem die Siedlungen nicht mehr in regelmäßigen Abständen verlagert wurden, endete dieser Prozesse. Das neue System stabiler Besiedlung fand nun innerhalb einer übergeordneten staatlichen Struktur, einer Infrastruktur statt. In Europa sei dieser Bereich zunächst durch den römischen Limes begrenzt gewesen, an dessen Grenze zwei Systeme aneinander gestoßen seien. Aus dem System der Germanen habe sich schließlich die Römische Auffassung entwickelt, die Germanen lebten im Wald. Schlüsse hieraus ließen sich mit Küster bis ins 19. und 20. Jh. ziehen, als die Deutschen ‚den Wald‘ als sinnbildlich für ihr Nationalbewusstsein verstanden. Hier nähert er sich zeitlich schließlich auch etwas mehr an Blackbournes Untersuchung an, beleuchtet diese Epoche jedoch auch weiterhin aus anderer Perspektive.

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Historie und Historiografie: Mahnmal Buchenwald.

Juli 5, 2011
Buchenwald

Abb. 1: Der Ettersberg bei Weimar. Der Glockenturm markiert den Beginn des Geländes des Konzentrationslagers Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

Das Mahnmal liegt abseits der Gedenkstätte und dem eigentlichen Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Vom Parkplatz führt der Weg, an dem sich auch ein kleiner Ausstellungspavillon befinden, durch ein Waldstück zu einem merkwürdig historistisch anmutenden Portal (Abb. 2). Es folgt der sogenannte Stelenweg, der über einige Dutzend Stufen hangabwärts führt; gesäumt von sieben, verschiedene Szenen aus dem Konzentrationslager zeigenden Reliefs. Die Stelen zeigen das Leiden der Opfer, das Morden der Täter, aber auch historische Dubiositäten wie ein „geheimes Thälmann-Gedenken“ kommunistischer Widerstandskämpfer.

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Abb. 2: Portal am Beginn des Stelenweges. (CC wikimedia commons / Deutsches Bundesarchiv)

An den Stelenweg schließt sich die Straße der Nationen an (Abb.3). Entlang dieser symbolisieren 18 Pylone die unterschiedlichen Nationalitäten (wohl nur einiger) der Opfer. Die von Feuerschalen bekrönten Pylonen, die Fahnenmasten, die breite des Weges: die Monumentalität bringt einen Heroismus zum Ausdruck, der befremdlich wirkt. Zu Beginn der Straße, etwa auf halbem Weg und nochmals am Ende befindet sich jeweils ein Erdtrichter. Kurz vor Befreiung des Konzentrationslagers hatten Einheiten der SS-Wachmannschaften hier die sterblichen Überreste von etwa 3000 Menschen in Erdsenken verscharrt. Die genannten drei wurden als ummauerte ‚Ringgräber‘ symbolisch in das Mahnmal einbezogen.

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Über eine breite Treppe führt der Weg schließlich zum Glockenturm hinauf. Der Hinaufsteigende erblickt die auf der weiten Fläche am Fuß des Turms angeordnete Figurengruppe. Der Bildhauer Fritz Cremer hat sie zu Ehren des Lagerwiderstandes entworfen (Abb. 4). Die Darstellung der zwar elenden, aber entschlossen Kämpfer entspricht deutlich dem Mythos einer Selbstbefreiung des Lagers durch – angeblich vornehmlich kommunistische – Gefangene. Der Glockenturm selbst ist keineswegs so hoch, wie man aus der Ferne erwartet haben mag. Erst durch die Lage auf dem Berg wird er weithin sichtbar und markiert so den Ettersberg als Ort des Konzentrationslagers.

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Abb. 4: Glockenturm am Mahnmal Buchenwald. (CC wikimedia commons / Deutsche Fotothek)

Die Monumentalität, der national-traditionelle Stil, dessen Ausgestaltung hier mitunter gar an die nationalsozialistische Spielart neoklassizistischer Architektur erinnert – all das erklärt sich unmittelbar aus der Zeit. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sehr Historiografie im Rückblick selbst zum Betrachtungsgegenstand wird bzw. werden muss. Denn hier scheint es entgegen heutiger Auffassung weniger darum zu gehen, den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Die Anlage folgt im kleinen dem gesamtgesellschaftlichen ‚antifaschistischen‘ Narrativ der DDR. Durch die Fokussierung auf die vermeintlichen ‚kommunistischen Helden‘ dient dabei vor allem der Legitimation des Herrschaftsanspruchs der sozialistischen Führung. Das schmälert keineswegs die Würdigung der mitunter heldenhaften Selbstlosigkeit der kommunistischen Lagerkommitees, jedoch ist auch das nur teilweise Beweggrund für die Errichtung des Mahnmals gewesen. In der architektonischen Inszenierung wird der Besucher entlang eines Weges geführt, der kaum authentische Zeugnisse bereithält; falls man so etwas überhaupt finden kann. So ist es kein Zufall, dass sich das Mahnmal eher neben denn am tatsächlichen Ort der Verbrechen befindet. Zeitweise war sogar vorgesehen, die Überreste des eigentlichen Lagers abzureißen und die Flächen wieder aufzuforsten. Übrig bleiben sollte lediglich das Krematorium, das man damals als Ort der Ermordung Ernst Thälmanns annahm.

Die Frage nach der Authentizität eines Erinnerungsortes ließe sich sicherlich auch umgekehrt für die tatsächlichen Orte stellen. Vielleicht ist der Ort auch grundsätzlich nicht so sehr von Bedeutung wie man gemeinhin annehmen würde – der Ort des zentralen Denkmals für die ermordeten Juden Europas selbst ist schließlich auch kein solcher tatsächlicher Tatort. Die Motivation ist hier freilich eine andere, aber auch sie folgt einer gegenwärtigen Geschichtsauffassung, die sich von früheren unterscheidet und in der Architektur Niederschlag findet.

Sizilianische Situation – Abdrift.

Juni 23, 2011

Das mehr oder minder ziellose Herumlaufen ist, denke ich, auch diesseits aller Wissenschaftlichkeit eine ausgezeichnete Möglichkeit eine Stadt kennenzulernen. Das gilt für bekannte wie unbekannte Orte gleichermaßen, auch wenn ich persönlich meist (leider) erst des touristischen Blicks bedarf, um meine Aufmerksamkeit auch auf allerlei Profanitäten richten zu könne. Die vornehmlich visuelle Präkonditionierung dieser Herangehensweise, welche die Beobachtung hier maßgeblich beeinflusst, habe ich an anderer Stelle bereits gestreift.

Piazza Magione Palermo-fig.1

Abb.1: Panorama-Ansicht der Piazza Magione. (CC wikimedia commons/SS)

Vor einigen Monaten stieß ich bei einem dieser touristischen Streifzüge in Palermo auf einen kuriosen Ort. Gleichermaßen Park, Platz und Brache stellt die enorme Freifläche zunächst vor allem eine Ausnahmeerscheinung im dichten Gefüge der Altstadt dar. Was genau dieser Ort ist, weiß ich bis heute nicht; wie meine Kenntnisse hierzu samt und sonders vagen Versuchen die spärlich gestreuten, ausschließlich in Italienisch gehaltenen Informationstafeln zu entziffern, sowie wenigen kurzen Gesprächen entstammen. Der Name Piazza Magione jedenfalls bezeichnet offenbar eigentlich nur einen kleineren, an der süd-östlichen Ecke gelegenen Teil des Freiraums.

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Abb.2: Ansicht von Süden. (CC wikimedia commons/SS)

Der weitläufige Raum ‚entstand‘, soweit mir bekannt, im Jahr 1943, als (beinahe) alle ehemals auf dem Gelände befindlichen Gebäude durch einen Bombenangriff zerstört wurden. Tatsächlich sind die Grundmauer der Gebäude vielfach noch sichtbar und die Straßenführung entspricht anscheinend weiter der historischen (Abb.4). Das einzige erhaltene Gebäude ist bezeichnenderweise ein ursprünglich offenbar kirchlichen Zweck dienendes – was selbstverständlich eine entsprechende Mythenbildung zufolge haben musste.

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Abb.3: Südansicht des stehengebliebenen Gebäudes. Die Inschrift über die Tür lautet "sapientia aedivicavit sibi domum"; dt.: "Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut". (CC wikimedia commons/SS)

In den letzten beinahe 70 Jahren wurde die Fläche nicht wieder bebaut. Mehr noch, die Straßenkanten wurden beibehalten, die Grundmauern belassen, über alles weitere Gras wachsen gelassen. Alles befindet sich undefinierter Undefinierbarkeit, bildet einer Art Dritter Landschaft, jedoch ohne dabei an Mythos einzubüßen. Zweifellos trage ich nun ebenfalls tatkräftig zur Mythenbildung bei, vor allem weil ich keine wirkliche, kein greifbare Aussagen geben kann. In meiner Erinnerung – drei Monate nach der unmittelbaren Erfahrung – ist der Ort die Entdeckung einer eigentümlichen psychogeographische Situation. Denn es ist durchaus bemerkenswert, welchen Eindruck der Ort ohne oder gerade wegen geringer bis gar keiner Vorkenntnis zu seiner Geschichte, seinem Zweck, letztlich völliger Unkenntnis seines Wesen hinterlässt. Ich weiß nicht, ob und wie Palermitaner den Ort nutzen, betrachten, begreifen. Ob er ihnen ähnlich mythisch und mystisch erscheint. Dem Abdrift (derivé) dort folgt so ein Abschweifen hier; ohne greifbare Thematik, ohne erkennbares Ziel.

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Abb.4: Grundmauern der im Krieg zerstörten Gebäude. (CC wikimedia commons/SS)

Sehen mit den Ohren.

Juni 14, 2011

Kürzlich schrieb ich, die auditive Wahrnehmung sei ein im allgemeinen Architekturdiskurs vernachlässigter Aspekt. Sicherlich ist die Diskussion von visuellen Betrachtungen (oha!) dominiert, bei genauerem Hinsehen – hört, hört! – zeigt sich jedoch, dass es eine bereits ganze Reihe von Versuchen der Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Neben einer Ausgabe der Zeitschrift Daidalos (Nr.17, 1985) gibt es diverse künstlerische Projekte, wie die Ulrich Troyers. Dennoch handelt es sich weiterhin um eine geringe Zahl immer wiederkehrender Akteure wie Bernhard Leitner, Wolfang Meisenenheimer und einigen anderen.

In der Daidalos-Ausgabe zum ‚hörbaren Raum‘ findet sich ein Gespräch zwischen Bernhard Leitner und Ulrich Conrads. Leitner:

„Der Klang eines Raumes hat Wirkung auf das vegetative Nervensystem; weitgehend der bewußten Kontrolle entzogen, werden Herz, Atemfrequenz, Blutdruck samt der psychosomatischen Implikationene beeinflußt; kurz, das körperlich-geistige Wohlbefinden. Dadurch, daß die moderne Architektur diese Phänomene unterbewertet, wenn nicht überhaupt vernachlässigt hat, ist sicher großer Schaden angerichtet worden. Hier muß angefügt werden, daß wir große Schwierigkeiten haben, über das Hören von Raum, über den hörbaren Raum zu sprechen. Es fehlen die Begriffe. Unsere im Visuellen verankerte Sprache versagt.“ (S. 28)

Man möchte anfügen, dass die verbale Kommunikation über Architektur überhaupt und allgemein mit extremen Schwierigkeiten behaftet scheint. Die körperliche Raumwahrnehmung, wie sie Leitner und Conrads hier diskutieren, hat Wolfgang Meisenheimer 2004 ebenfalls in seinem Buch Das Denken des Leibes und der architektonische Raum thematisiert. Interessant ist eine konkretes Erlebnis, das Ulrich Conrads im weiteren Verlauf des Gesprächs beschreibt:

„Vor nicht langer Zeit bewohnten wir für einige Tage ein kleines einfaches Haus in der Toscana, drei etwa gleich große Räume und eine Küche, die alle von einem Flur aus zu betreten waren. Die Zimmer waren etwa so hoch, wie ihre Seitenwände lang waren, also fast regelmäßige Kuben. Die Böden waren sämtlich mit harten Ziegeln ausgelegt. Sehr bald stellten wir fest, daß wir uns in allen vier Räumen ausgesprochen leise unterhalten mußten, um einander zu verstehen. Von Zimmer zu Zimmer aber, über den Flur hinweg, mußten wir sehr laut rufen, fast schon schreien, um uns verständlich zu machen. In den Räumen selbst verwandelte sich das laut gesprochene Wort in ein unartikuliertes Hallen; in der Entfernung von Raum zu Raum blieben nur die Rachen- und Zischlaute unserer konsonantenreichen Sprache übrig. Wir erfuhren: in diesem Haus mußte man italienisch sprechen, vokalisch, offen, klangvoll, laut. Oder einfach leise sein auf eine für uns fast mühsame Weise. Es war nicht für unsere Sprache gebaut.“ (S. 30-31)

Hier zeigt sich wiederum etwas ganz entscheidendes: Wir – ich pauschalisiere Conrads Erfahrung hier der Einfachheit halber etwas – sind offenbar kaum oder nur schwer in der Lage das akustische Wesen eines Raumes zu begreifen. Die fehlenden Begrifflichkeiten, wie sie Bernhard Leitner beschreibt, führen dabei zu einer Schwierigkeit, welche über die der Kommunkation behinausgeht. Ohne eine entsprechende Terminologie nämlich dürfte es dem Wahrnehmenden sehr schwer fallen, die subjektive Erfahrung auch nur gedanklich zu fassen.

Ulrich Troyers Projekt Sehen mit den Ohren befasst sich mit der alltäglichen Wahrnehmung sechs blinder Menschen in der Wien. (Der Eindruck der originalen 5-Kanal-Klanginstallation lässt sich aus der Aufnahme sicher nur erahnen.) Die Protagonisten haben, indem sie dem Gehörten Informationen entnehmen, die der Sehende visuell aufnimmt, eine sehr eigene Wahrnehmung der Stadt. Das Projekt erscheint dabei als eine Art Grundlagendforschung, die deutlich macht, was ein Sehender so sicherlich nur sehr schwierig beschreiben könnte. Denn die akustische Wahrnehmung einer Auskragung, eines Erkers oder dergleichen – um dieses Beispiel aus dem Beitrag aufzugreifen –, dürfte für Sehende wie nicht-Sehende im wesentlichen ähnlich sein. Erster jedoch wird sich durch seine Präkonditionierung dessen wohl weniger bewusst sein und damit kaum oder nur sehr schwer in der Lage sein diese Erfahrung auch nur wiederzugeben. Wenn Conrads sein Ferienhaus als für italienisch sprechenden Menschen gebaut beschreibt, ist das sicherlich nachvollziehbar, aber ebenso ihm als auch mir und sehr wahrscheinlich den meisten anderen Menschen dürfte unklar bleiben, warum das so ist. Wieso das Haus klingt wie es eben klingt. Ebensowenig dürfte es bewusst entsprechend entworfen worden sein. Die anonymen Architekten werden ihre Raumkompositionen aus langer Erfahrung entwickelt haben, aber welche Bedeutung hat das für die zeitgenössische Architektur. Es bedarf zunächst eben jener Terminologie, deren Fehlen Bernhard Leitner beklagt, um die akustische Wirkung eines Raumes mit dem Entwurf in Verbindung bringen und gemeinsam denken zu können. Die Raumakustik als (Fach-)Disziplin existiert zwar bereits, scheint aber nur in Verbindung mit speziellen Architekturaufgaben, wie der Gestaltung eines Konzertsaals, gemeinsam mit der architektonischen Form gedacht zu werden. Sicherlich gibt es bereits zahlreiche solcher Ansätze, die ich aus purer Unkenntnis auszulassen gezwungen bin.

Gated Communities: Spitze des Eisbergs.

Juni 4, 2011

In der vergangen Woche sprach der Soziologe Marcus Termeer, im Rahmen einer Tagung in Weimar (.pdf), von der Renaissance des Dienstpersonals im postfordistischen Haushalt. Glaubt man Termeer, ist Dienstpersonal gegenwärtig (wieder) verstärkt anzutreffen; ein Phänomen, das sich seiner Ansicht nach in der Figur des Concierge manifestiert. Die Sichtbarkeit des Concierge spiele dabei als Symbol des sozialen Status seiner ‚Herrschaft‘ eine besondere Rolle spielt. Historisch betrachtet sei hingegen vor allem auf Unsichtbarkeit des Dienstpersonals wert gelegt worden. Es sind jedoch nur einige Aspekte des Vortrags, die mir hier als Ausgangspunkt dienen sollen – und das Dienstpersonal wie das übergeordnete Tagungsthema der Dienstbarkeitsarchitekturen gehören nicht dazu. Die – ob nun zu Recht oder zu Unrecht – kritisierte Methodik des Vortrags, respektive des Referenten, seien ebenfalls ausgeklammert.

Townhouses Berlin

Abb.1: 'Townhouses' in Berlin-Mitte. (cc wikimedia commons)

Das bauliche Pendant des Dienstpersonal manifestiert sich in sogenannten ‚Gated Communities‘ und ‚Serviced Apartments‘. Termeer stellte eines der für mich einprägsamsten weil absurdesten Projek, die Car Lofts, vor. Hier können die Bewohner ihren Wagen mit Hilfe eines Aufzugs unmittelbar vor ihrem Apartment parken. Womöglich auch um der in Berlin-Kreuzberg offenbar eklatanten Gefahr zu entgehen, ihr tendenzielle eher teures Gefährt des Nachts in Flammen aufgehen sehen zu müssen. Die meisten Projekte, wie beispielsweise die Klostergärten in Münster, sind freilich etwas konventioneller. Insgesamt jedoch stellen auch auch sie eher kein flächendeckendes Phänomen dar. Doch ebenso wie der Concierge lediglich der sichtbarste Ausdruck einer Renaissance des Dienstpersonals ist, sind die angeführten Beispiele auch nicht mehr als die Spitze eines Eisberges. Termeer weist auf den Umstand hin, dass heute keineswegs nurmehr die kleine Oberschicht ein Heer von Bediensteten beschäftigt, sondern die Putzfrau heute auch in mittelständischen Haushalten häufig anzutreffendes ist. Man könnte das als eine Art Demokratisierung werten und letzten Endes wird wohl weder das DINKY-Pärchen, noch die deren Altbauwohnung sauber haltende Putzfrau das für ein grundsätzliches Problem halten. Hier zeigt sich dann auch wo der Haken liegt, an dem der Versuch eine direkte Korrelation zwischen (potentiell) prekären Beschäftigungsverhältnissen und einer Stadtentwicklung durch einzelne Luxus-Apartmentanlagen zu etablieren, sich unfreiwillig aufzuhängen droht.

Chorweiler

Abb. 2: Sozialer Wohnungsbau in Köln-Chorweiler. (cc dev null/Flickr)

Termeer identifiziert als Kernproblem, dass im Fokus kommunaler Politik heute weniger der Bürger stehe, sondern vielmehr der Kunde in der Figur des finanzstarken Investors, Immobilienbesitzers oder Touristen. Die Städte sähen sich dabei in Konkurrenz zu einander und ihr Handeln werde maßgeblich von diesem Denken bestimmt.

Am Center for Advanced Studies (CAS) der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München untersucht eine Forschergruppe ähnliche Phänomene in größerem Maßstab. Die Gestaltung nationaler Wirtschafts- und Steuerrechtssysteme im internationalen Zusammenhang konfrontieren sie mit der Frage nach dem Recht als Produkt? Es ist die analytische Betrachtung einer Situation, in der das Recht als ‚Ware‘ gehandelt wird und in der Anbieter – in diesem Fall eben unterschiedliche Staaten – im Wettbewerb zueinander stehen bzw. sich als Konkurrenten wahrnehmen und entsprechend verhalten. In der Konkurrenz unterschiedlicher legislativer Systeme geht es dabei vor allem um die Migration von Unternehmen und Arbeitsplätzen, d.h. Kapital. Die damit verbundenen widerstreitenden Interessen zu einem Konsens zu führen, ist letztlich der Kern jeder gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Eine direkte Anwendung dieser Analyse auf die kommunlae Ebene ist methodisch womöglich eher problematisch. In gewisser Weise jedoch kann kommunale Wirtschaftsförderung aber ebenso sehr als Wettbewerb eines Rechtssystems mit einem anderen, beispielsweise über die Ausgestaltung der Gewerbesteuer, verstanden werden.  Eine wesentliches Problem der Konkurrenz legislativer Systeme, beschrieb Prof. Dr. Anne Peters in einer Diskussionsrunde im Dezember vergangenen Jahres:

„[A, S.S.] main argument of the proponents of competition between legal systems is the democracy argument. From the public choice perspective, competition between legal system is regarded as up to rectifiy the structural bios of the domestic democratic process, which is thought to be flawed by the undue influence of interest groups. However there is the risk that legal competition rather than breaking up the ridgidities of the political process, may again give preference to special interests. This is clearly the case, because those players who can vote with their feet more or better than any others are exactly the same players as those who are anyway having an advantage in lobbying.“

Tatsächlich scheint es so, dass der Versuch den Interessen bestimmter Gruppen entegenzukommen, deren Einfluss eher noch verstärkt. Das darf nicht nur juristische, sondern ebensosehr für alle anderen gesellschaftlichen Fragen, seien sie wirtschaftlicher, sozialer oder auch architektonischer Natur, gelten. Der der Struktur eines Rechtssystems vorangehenden politischen Aushandlungsprozess ist hier möglicherweise offensichtlicher, aber planerischen Entwicklungsprozesse liegen natürlich ebenfalls und ganz maßgeblich gesetzliche und damit politische Vorgaben zugrunde.

Koolhaas Checkpoint-Charlie

Abb. 3: Rem Koolhaas Haus Checkpoint-Charlie, das teilweise geförderten Wohnraum beinhaltet. (cc wikimedia commons)

Vor diesem Hintergrund erscheinen mir hier weniger die Partikularinteressen einer kleinen Zahl potentieller ‚Gated Community‘-Bewohner, als vielmehr die einer ungleich größeren Zahl mittelständischer Putzfrauenarbeitgeber sehr problematisch. Eine direkte Übertragung individualistisch-suburbaner Muster, wie sie sich geradezu grotesk Car Lofts zeigt, wird sicherlich ein Einzelfall bleiben. Die Gentrifizierung innerstädtischer Viertel zeigt sich flächendeckend eher Eigentumswohnungen und ‚Townhouses‘. Das alles ist bekannt und wird kritisch begleitet. In einem offenen Brief verwahrten sich jüngst eine ganze Reihe (Berliner) Architekten gegen eine Vereinnahmung ihrer Projekte für die Fortschreibung der Politik des ehemaligen Senatsbaudirektors Stimmann, in dessen geplanter Publikation Stadthäuser. Kritisiert wird dabei eine Baupolitik, die soziale Segregation befördere und „all jene exkludiert werden, die sich nicht mit Eigentumsrechten munitionieren können oder wollen.“ (brandlhuber+) Das verstärkte Interesse an innerstädtischem Wohnraum ist seit einigen Jahren evident und eine Politik, welche die Interessen jener befördert, die „ohnehin einen Vorteil im Lobbying haben“ (Anne Peters) zweifellos kritisch zu betrachten. Vielerorts anzutreffende Initiativen zur Verhinderung solcher Projekte sind dabei möglicherweise punktuell hilfreich, im Ganzen gesehen jedoch in gewisser Weise ebenso problematisch. Denn letzten Endes ist das Interesse einer finanzstarken Oberschicht an innenstadtnahem Wohnen nicht weniger berechtigt, als das des sozialen Prekariats und all jener, die sich zwischen diesen Extremen verorten können. Darüber hinaus sind alle diese Initiativen zuerst nur bloße Reaktion von einem konkreten Standpunkt und erst in zweiter Linie aktives Eintreten für allgemeine Interessen. Stellenweise mag es gelingen den erzwungen Wegzug bestimmter Bevölkerungsteile zu verhindern; in den meisten Fällen jedoch wird dies wohl lediglich ein zeitweiliges Aufhalten bzw. Verlangsamen des Gentrifizierungsprozesses bedeuten. Die Programme des sozialen Wohnungsbaus und die Förderung genossenschaftlichen Bauens im 20. Jahrhundert, hatte hier einen anderen Ansatz. Die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende stetige Abnahme des geförderten Wohnraums ist dabei erst ganz am Ende eine planerisch-architektonische Frage. Dem voran steht auch hier eine legislative, eine politische Entscheidung, die das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen verschieden Interessengruppen repräsentiert. Sind jedoch deren Möglichkeiten zur Artikulation ihrer Anliegen deart unterschiedlich, oder in einigen Fällen schlicht nicht vorhanden, entsteht eine Situation wie die derzeitige.

Architektur und auditive Wahrnehmung.

Mai 22, 2011
Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr.

Abb.1: Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr. (Bibliothèque nationale de France/Wikimedia Commons)

Der Berliner Historiker Daniel Morat forscht im Rahmen seiner Habilitation zur den Klanglandschaft der Großstadt. Kulturen des Auditiven in Berlin und New York 1880-1930. Am 19. Januar hielt er in Zusammenhang mit diesem Thema einen Vortrag im Potsdamer Einstein-Forum mit dem Titel Die Metropole hören, der als Podcast bei Dradio Wissen zu finden ist. Morats Forschungsinteresse gilt der auditiven Wahrnehmung in der Moderne, hier vor allem in Bezug auf die modernen Großstadt. Bis heute jedoch gehe das vorherrschende Denken, so Morat, von einem Primat des Visuellen in der Moderne, vor allem in der modernen Großstadt aus. Die herausragende Rolle des Visuellen werde dabei vor allem auf die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance, die Entstehung des Buchdrucks, und der Definition des des Cartesianischen Erkenntnissubjekts als Beobachtersubjekt zurückgeführt. Darüber hinaus seien die rasante Weiterentwicklung optischer Medien im 19. Jh. und die Anonymisierung des großstädtischen Lebens hierfür historisch entscheidend gewesen. Die daraus entstandene Fixierurung auf das Visuelle, vor allem bei Georg Simmel, Siegfried Cracauer und Walter Benjamin, manifestiere sich in der Figur Flaneurs. Morat beschreibt die Wahrnehmung der (Großstadt-)Geräusche in ihrer historischen Entwicklung, die ich hier nicht in ganzem Umfang nachzeichnen möchte. Interessant erscheint mir vor allem der vom kanadischen Komponisten Murray Schafer in den 1970er Jahren etablierte Begriff der soundscape. Im Rahmen seines World-Soundscape-Projects habe Schafer, so Morat, „ausgefeilte Methoden und eine elaborierte Begrifflichkeit zur Analyse und Beschreibung der Akustischen Umwelt entwickelt, […] Die Definition des Begriffs soundscape kombiniert dabei die Beschreibung der akustischen Umwelt mit deren Wahrnehmung und Deutung.“

Audio 1: Klang des Berliner U-Bahnhofs Schlesisches Tor. (cc yukiovmking)

Ebenso wie Morat es für die Auseinandersetzung mit der modernen Großstadt beschreibt, ist auch die historiografische Untersuchung von Architektur – sprich: die Architekturgeschichte im engeren Sinne – eine in erster Linie visuell orientierte Disziplin. In seinem Buch Experiencing Architecture widmet Steen Eiler Rasmussen beispielsweise dem Kapitel Hearing Architecture knappe 13 der insgesamt 257 Seiten. Rasmussen beschreibt darin unter anderem die Wechselwirkung christlicher Kirchen und der für sie komponierten Musik. So seien in frühchristlichen Basiliken gesungenen Choräle beispielsweise in einem akustischen Kontext entstanden, in dem das normalem Sprechen folgende Echo das Gesprochene bis zur Unkenntlichkeit verzerrt habe. Aus der Notwendigkeit einer anderen Rhythmik seien schließlich die Choräle entstanden. Rassmussen führt das für weitere Beispiele aus, die bezeichnenderweise mit Bildern und Plänen illustriert sind. Die akustische Aura eines Raumes findet, wie mir scheint, heute kaum einen Niederschlag in der Formulierung architektonischer Entwürfe. Bei Gebäuden mit entsprechender Funktion, wie Konzerthäuser und dergleichen, liegen die Dinger etwas anders. Es ist anzunehmen, dass dies mit auch mit einer vor allem visuell orientierten architekturhistorischen und -theoretischen Forschung zusammenhängt. Die Auseinandersetzung mit Akustik, beispielsweise in der Klangkunst, ist heute keine Seltenheit und mit Akteuren wie Bernhard Leitner befinden sich auch Architekten unter den Protagonisten. Glaubt man Steen Eiler Ramussen existiert „no longer any interest in producing rooms with differentiated acoustical effects – they all sound alike.“ Zweifellos aber – und das beschreibt auch Rassmussen so – hat die akustische Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Raumwahrnehmung insgesamt, wenngleich sie auf den visuell präkonditionierten Betrachter womöglich eher im Unterbewusstsein wirkt. Eine systematischere Untersuchung der auditiven Wahrnehmung vor allem moderner Architektur erscheint so jedoch als ein ebenso vielversprechendes Forschungsgebiet wie Daniel Morats Projekt zur Stadtwahrnehmung.

Hans Kollhoff: Der Geist der Architektur.

Mai 16, 2011

„Was ist zeigemäßes Bauen?“ fragt Hans Kollhoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Mai. Der Beitrag ist in erster Linie eine Antwort auf Kritik an den Ergebnissen des Wettbewerbs (.pdf) für die Neubebauung des Frankfurter Römers, im Kern jedoch geht es – zumindest suggeriert dies der Titel – um etwas anderes. Die für die Frankfurter Innenstadt vorgeschlagene Bebauung und die daran geübte Kritik spielen deshalb für die folgende Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Als Ausgangspunkt seiner Replik wählt Hans Kollhoff die Feststellung, die Tektonik als Konstante einer Jahrtausende überspannenden Architekturgeschichte sei nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Deutschland „auf dem Müll“ gelandet. Jedoch sei eben diese das Bindeglied zwischen dem Mensch und seinen Artefakten und erst der Verlust des Tektonischen habe uns dessen Notwendigkeit Augen geführt. Gottfried Semper unterteilte die Konstruktion in symbolische und technische Elemente, eine Einteilung, die Kenneth Framptons in seinen Studien zur Kultur des Tektonischen in repräsentierende und ontologische, d.h. kommunizierende Aspekte übersetzte. Semper hatte die Architektur in vier grundlegende, sich historisch nur oberflächlich verändernde Elemente unterteilt: Den Erdaufwurf (Fundament), das Dach (Tragstruktur), den Herd und die umschließende Haut. Für Frampton verdeutlicht Sempers Unterteilung „den Unterschied zwischen dem Verkleidungssystem, das die unter der Oberfläche befindliche wirkliche Konstruktion repräsentiert, und einem Bau, der gleichzeitig seine Grundstruktur und seine Bekleidung zum Ausdruck bringt.“ Diese Dichotomie müsse für die Architektur jeweils neu formuliert werden, „da Bautyp, Technik, Topografie und zeitliche Umstände jeweils zu einer anderen kulturellen Konstellation führen.“Wie also kann eine solche Formel heute lauten und, hier vielleicht noch entscheidender, findet sie ihre Artikulation in der Architektur Hans Kollhoffs? Letzten Endes kritisiert Frampton den Zustand der Architektur nicht weniger als Kollhoff das tut, jedoch mit einem grundlegend anderen Ansatz. Während dieser eine vermeintliche Entfremdung ‚der Bürger‘ – wer auch immer das sein soll – auf symbolischer bzw. repräsentierender Ebene beklagt, sah sich jener bereits zu Beginn der 1990er Jahre mit einer ganz anderen, tiefergehenderen weil ontologischen Problematik konfrontiert. Die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft hatte bereits vor zwanzig Jahren dazu geführt, dass die technischen Installationen gegenüber der Konstruktion längst den weitaus größeren Teil der Baukosten eines Gebäudes ausmachten; ein Zustand, der sich heute tendenziell eher noch verschärft haben dürfte. Die Betonung des Tektonischen gegenüber dem Szenografischen der Architektur beschreibt er nun als „eine Taktik, durch die die Widerstandskraft gegen ihre weitere Auflösung mittels einer Maximierung von Technologie erhöht wird.“

Potsdamer Platz, Berlin

Abb.1: Potsdamer Platz, Berlin. In der Mitte das DaimlerChrysler-Gebäude von Hans Kollhoff. (Foto: cc bagalute, Flickr)

Der Einsatz „des Tektonischen als Mittler bei der Schlichtung der wachsenden Konfrontation zwischen Technologie und Umwelt.“ hingegen ermögliche eine Synthese der widerstreitenden Teile. Nun dagegen Kollhoff:

„Wenn aber die Notwendigkeit besteht, einen Baukörper zusammenzuhalten, weil die Öffnungen zusehends größer werden oder die Hausfront immer breiter, ist der Griff nach einem Gurtgesim selbstverständlich. Wenn dieses sowohl trennen als auch verbinden soll, werde ich über Rundungen des Profils nachdenken. Auch das ist nicht historistisch, auch nicht ornamental oder gemoetrisch, sondern eminent tektonisch und damit das Wesen des Architektonischen, von dem Schinkel gesprochen hat.“

Das mag zutreffen oder auch nicht, entscheidend ist vor allem wie Kollhoff hier ausschließlich auf der Ebene des Repräsentierenden argumentiert. Mit Hinblick auf frühere Bauten Kollhoffs muss das nicht nur auf einer diskursiven, sondern auch einer ganz praktischen Ebene als problematisch erscheinen. Deutlich zeigt dies die Fassade des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (Abb.1). Mit halbierten Klinkern verblendente Elemente ermöglichten hier eine vermeintlich ökonomische Realisierung des Entwurfes im Stil früherer Hochhausbauten, der als wirkliches Verblendmauerwerk von kaum möglich gewesen wäre. Seit einigen Jahren zum Schutz vor herabfallenden Ziegelhälften erforderliche Gerüste versinnbildlichen heute das Scheitern einer Ästhetik, die den Konflikt von Tektonik und Technik nicht schlichtet sondern verschärft. Ein sich allein auf das Repräsentierende konzentriertende Architektur muss scheitern, weil sie am eigentlichen Wesen der Dinge vorbeiläuft. Der geschichtsbewusste Geist Hans Kollhoffs entpuppt sich so, einmal tatsächlich gebaut, als ein rechtes Gespenst.

Aufbruch. ‚Mission Statement‘

Mai 16, 2011

Gibt es ein Thema und wenn ja, wie viele? Im Augenblick – soviel gleich zu Beginn – vermag ich keine Antwort auf diese Frage zu geben, sondern lediglich ‚die‘ Architektur als Drehpunkt meiner Auseinandersetzungen zu benennen. Der Architekturbegriff, mit dem ich dabei operiere, geht über den des Bauens hinaus und folgt vielmehr einer Vorstellung von Architektur als soziale, eo ipso politische Praxis. Damit ist die Tür weit aufgestoßen und der sich bietende Ausblick, ein wahrhaft „weites Feld“ (Fontane) möglicher thematischer Bezüge, erscheint als so verheißungsvoll wie beklemmend. Ein vollständiges Kartografieren dieser Weite ist, um im Bild zu bleiben, schier aussichtslos und schon allein deshalb jenseits meiner selbstgesteckten Zielmarke. Deren exakte Position wiederum liegt ebenso im Dunkeln, oder eher im Weiß des Unerforschten. Und so läuft es, laufe ich also auf eine Streifzug durch meine eigene Terra Incognita hin, der mehr ein Durchmessen als ein umfassendes Vermessen sein wird. Ein einmal eingeschlagener Weg wird dabei, zumindest hoffe ich das, bisweilen eher zum unwegsamen Pfad, der mal hier-, mal dorthin oder gar im Kreis führt. Orientierungshilfe durch Kommentare und Kritik sind mir willkommen, weil unverzichtbar.