Natürlich Fiktion: Kultur als Natur.

Der Podcast eines Vortrags des Biologen Hansjörg Küster bildet den neuesten Eckpunkt eines Feldes, das sich in den Vergangenen Jahren um den doch recht weitgreifenden Begriff der Landschaft erstreckt. Küster beleuchtet die Thematik vor allem aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive, jedoch ohne kulturwissenschaftliche Aspekt unberücksichtigt zu lassen. Einen weiteren Eckpunkt bildet für mich David Blackbournes Buch The Conquest of Nature. Der Autor beschreibt darin die Geschichte des Wasserbaus im weitesten Sinne, beginnend Mitte des 18. Jh. Die Analyse der Etablierung des heutigen bis heute und darüber hinaus immer wieder veränderten Landschaftsbildes als ’natürlich‘ – und verbunden damit als schützenswert – ist sehr interessant. Die Existenz eben dieses Prozesses selbst hingegen erscheint dabei weniger überraschend.

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Abb.2: Buchenurwald. (CC flickr / shinkusano)

Küster stetzt findet hier einen anderen Ansatz, der auch zeitlich wesentlich weiter zurückreicht. Mit Küster beginnt der Einfluss des Menschen auf die Landschaft bereits vor über 7000 Jahren, mit dem Sesshaftwerden des Menschen. Zu jener Zeit war Mitteleuropa praktisch komplett bewaldet, der Mensch hat bisher kaum aktive Eingriffe vorgenommen. Der ersten Bauern bewirtschafteten ihre Äcker nur für einige Jahrzehnte, manchmal auch Jahrhunderte, verließen sie dann aber wieder. Den Einfluss des mit der Ansiedlung verbundenen Rodens, der zu dieser Zeit größtenteils aus Eichen bestehenden Wälder, sei, so Küster, sehr nachhaltig gewesen. Die damals gewählten Siedlungsorte sind oft bis heute bewohnt aufgrund der Begrenztheit verfügbarer Ressourcen, verlagerten sich die Siedlungen jedoch immer wieder leicht. Auf den nun brachliegenden Ackerflächen konnte so neuer Wald entstehen:

„Und es ist jetzt die große Frage, ob das immer wieder dazu führte, dass immer wieder genau der gleiche Wald, nach diesen hundert Jahren wieder entstanden ist. […] aus den Pollenuntersuchungen wissen wir, dass dies nicht so war. Sondern wir können feststellen, dass in dieser ganzen Zeit, in der immer wieder Siedlungen neu gegründet wurden und aufgegeben wurden, bei den Neuentstehung von Wäldern, die Entwicklung nicht bei der Eiche stehengeblieben ist, sondern dann Buchenwälder entstanden sind.“

Die Ausbreitung der Buche habe sich bis zum Beginn des Mittelalters und bis an ihre heutigen Verbreitungsgrenzen in Südengland, in Südskandinavien und an der Polnischen Ostseeküste fortgesetzt. Mit dem Aufkommen eines neuen Systems, in dem die Siedlungen nicht mehr in regelmäßigen Abständen verlagert wurden, endete dieser Prozesse. Das neue System stabiler Besiedlung fand nun innerhalb einer übergeordneten staatlichen Struktur, einer Infrastruktur statt. In Europa sei dieser Bereich zunächst durch den römischen Limes begrenzt gewesen, an dessen Grenze zwei Systeme aneinander gestoßen seien. Aus dem System der Germanen habe sich schließlich die Römische Auffassung entwickelt, die Germanen lebten im Wald. Schlüsse hieraus ließen sich mit Küster bis ins 19. und 20. Jh. ziehen, als die Deutschen ‚den Wald‘ als sinnbildlich für ihr Nationalbewusstsein verstanden. Hier nähert er sich zeitlich schließlich auch etwas mehr an Blackbournes Untersuchung an, beleuchtet diese Epoche jedoch auch weiterhin aus anderer Perspektive.

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