Sizilianische Situation – Abdrift.

Das mehr oder minder ziellose Herumlaufen ist, denke ich, auch diesseits aller Wissenschaftlichkeit eine ausgezeichnete Möglichkeit eine Stadt kennenzulernen. Das gilt für bekannte wie unbekannte Orte gleichermaßen, auch wenn ich persönlich meist (leider) erst des touristischen Blicks bedarf, um meine Aufmerksamkeit auch auf allerlei Profanitäten richten zu könne. Die vornehmlich visuelle Präkonditionierung dieser Herangehensweise, welche die Beobachtung hier maßgeblich beeinflusst, habe ich an anderer Stelle bereits gestreift.

Piazza Magione Palermo-fig.1

Abb.1: Panorama-Ansicht der Piazza Magione. (CC wikimedia commons/SS)

Vor einigen Monaten stieß ich bei einem dieser touristischen Streifzüge in Palermo auf einen kuriosen Ort. Gleichermaßen Park, Platz und Brache stellt die enorme Freifläche zunächst vor allem eine Ausnahmeerscheinung im dichten Gefüge der Altstadt dar. Was genau dieser Ort ist, weiß ich bis heute nicht; wie meine Kenntnisse hierzu samt und sonders vagen Versuchen die spärlich gestreuten, ausschließlich in Italienisch gehaltenen Informationstafeln zu entziffern, sowie wenigen kurzen Gesprächen entstammen. Der Name Piazza Magione jedenfalls bezeichnet offenbar eigentlich nur einen kleineren, an der süd-östlichen Ecke gelegenen Teil des Freiraums.

Piazza Magion fig.3

Abb.2: Ansicht von Süden. (CC wikimedia commons/SS)

Der weitläufige Raum ‚entstand‘, soweit mir bekannt, im Jahr 1943, als (beinahe) alle ehemals auf dem Gelände befindlichen Gebäude durch einen Bombenangriff zerstört wurden. Tatsächlich sind die Grundmauer der Gebäude vielfach noch sichtbar und die Straßenführung entspricht anscheinend weiter der historischen (Abb.4). Das einzige erhaltene Gebäude ist bezeichnenderweise ein ursprünglich offenbar kirchlichen Zweck dienendes – was selbstverständlich eine entsprechende Mythenbildung zufolge haben musste.

Piazza Magione fig.3

Abb.3: Südansicht des stehengebliebenen Gebäudes. Die Inschrift über die Tür lautet "sapientia aedivicavit sibi domum"; dt.: "Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut". (CC wikimedia commons/SS)

In den letzten beinahe 70 Jahren wurde die Fläche nicht wieder bebaut. Mehr noch, die Straßenkanten wurden beibehalten, die Grundmauern belassen, über alles weitere Gras wachsen gelassen. Alles befindet sich undefinierter Undefinierbarkeit, bildet einer Art Dritter Landschaft, jedoch ohne dabei an Mythos einzubüßen. Zweifellos trage ich nun ebenfalls tatkräftig zur Mythenbildung bei, vor allem weil ich keine wirkliche, kein greifbare Aussagen geben kann. In meiner Erinnerung – drei Monate nach der unmittelbaren Erfahrung – ist der Ort die Entdeckung einer eigentümlichen psychogeographische Situation. Denn es ist durchaus bemerkenswert, welchen Eindruck der Ort ohne oder gerade wegen geringer bis gar keiner Vorkenntnis zu seiner Geschichte, seinem Zweck, letztlich völliger Unkenntnis seines Wesen hinterlässt. Ich weiß nicht, ob und wie Palermitaner den Ort nutzen, betrachten, begreifen. Ob er ihnen ähnlich mythisch und mystisch erscheint. Dem Abdrift (derivé) dort folgt so ein Abschweifen hier; ohne greifbare Thematik, ohne erkennbares Ziel.

Piazza Magione Palermo fig.4

Abb.4: Grundmauern der im Krieg zerstörten Gebäude. (CC wikimedia commons/SS)

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