Sehen mit den Ohren.

Kürzlich schrieb ich, die auditive Wahrnehmung sei ein im allgemeinen Architekturdiskurs vernachlässigter Aspekt. Sicherlich ist die Diskussion von visuellen Betrachtungen (oha!) dominiert, bei genauerem Hinsehen – hört, hört! – zeigt sich jedoch, dass es eine bereits ganze Reihe von Versuchen der Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Neben einer Ausgabe der Zeitschrift Daidalos (Nr.17, 1985) gibt es diverse künstlerische Projekte, wie die Ulrich Troyers. Dennoch handelt es sich weiterhin um eine geringe Zahl immer wiederkehrender Akteure wie Bernhard Leitner, Wolfang Meisenenheimer und einigen anderen.

In der Daidalos-Ausgabe zum ‚hörbaren Raum‘ findet sich ein Gespräch zwischen Bernhard Leitner und Ulrich Conrads. Leitner:

„Der Klang eines Raumes hat Wirkung auf das vegetative Nervensystem; weitgehend der bewußten Kontrolle entzogen, werden Herz, Atemfrequenz, Blutdruck samt der psychosomatischen Implikationene beeinflußt; kurz, das körperlich-geistige Wohlbefinden. Dadurch, daß die moderne Architektur diese Phänomene unterbewertet, wenn nicht überhaupt vernachlässigt hat, ist sicher großer Schaden angerichtet worden. Hier muß angefügt werden, daß wir große Schwierigkeiten haben, über das Hören von Raum, über den hörbaren Raum zu sprechen. Es fehlen die Begriffe. Unsere im Visuellen verankerte Sprache versagt.“ (S. 28)

Man möchte anfügen, dass die verbale Kommunikation über Architektur überhaupt und allgemein mit extremen Schwierigkeiten behaftet scheint. Die körperliche Raumwahrnehmung, wie sie Leitner und Conrads hier diskutieren, hat Wolfgang Meisenheimer 2004 ebenfalls in seinem Buch Das Denken des Leibes und der architektonische Raum thematisiert. Interessant ist eine konkretes Erlebnis, das Ulrich Conrads im weiteren Verlauf des Gesprächs beschreibt:

„Vor nicht langer Zeit bewohnten wir für einige Tage ein kleines einfaches Haus in der Toscana, drei etwa gleich große Räume und eine Küche, die alle von einem Flur aus zu betreten waren. Die Zimmer waren etwa so hoch, wie ihre Seitenwände lang waren, also fast regelmäßige Kuben. Die Böden waren sämtlich mit harten Ziegeln ausgelegt. Sehr bald stellten wir fest, daß wir uns in allen vier Räumen ausgesprochen leise unterhalten mußten, um einander zu verstehen. Von Zimmer zu Zimmer aber, über den Flur hinweg, mußten wir sehr laut rufen, fast schon schreien, um uns verständlich zu machen. In den Räumen selbst verwandelte sich das laut gesprochene Wort in ein unartikuliertes Hallen; in der Entfernung von Raum zu Raum blieben nur die Rachen- und Zischlaute unserer konsonantenreichen Sprache übrig. Wir erfuhren: in diesem Haus mußte man italienisch sprechen, vokalisch, offen, klangvoll, laut. Oder einfach leise sein auf eine für uns fast mühsame Weise. Es war nicht für unsere Sprache gebaut.“ (S. 30-31)

Hier zeigt sich wiederum etwas ganz entscheidendes: Wir – ich pauschalisiere Conrads Erfahrung hier der Einfachheit halber etwas – sind offenbar kaum oder nur schwer in der Lage das akustische Wesen eines Raumes zu begreifen. Die fehlenden Begrifflichkeiten, wie sie Bernhard Leitner beschreibt, führen dabei zu einer Schwierigkeit, welche über die der Kommunkation behinausgeht. Ohne eine entsprechende Terminologie nämlich dürfte es dem Wahrnehmenden sehr schwer fallen, die subjektive Erfahrung auch nur gedanklich zu fassen.

Ulrich Troyers Projekt Sehen mit den Ohren befasst sich mit der alltäglichen Wahrnehmung sechs blinder Menschen in der Wien. (Der Eindruck der originalen 5-Kanal-Klanginstallation lässt sich aus der Aufnahme sicher nur erahnen.) Die Protagonisten haben, indem sie dem Gehörten Informationen entnehmen, die der Sehende visuell aufnimmt, eine sehr eigene Wahrnehmung der Stadt. Das Projekt erscheint dabei als eine Art Grundlagendforschung, die deutlich macht, was ein Sehender so sicherlich nur sehr schwierig beschreiben könnte. Denn die akustische Wahrnehmung einer Auskragung, eines Erkers oder dergleichen – um dieses Beispiel aus dem Beitrag aufzugreifen –, dürfte für Sehende wie nicht-Sehende im wesentlichen ähnlich sein. Erster jedoch wird sich durch seine Präkonditionierung dessen wohl weniger bewusst sein und damit kaum oder nur sehr schwer in der Lage sein diese Erfahrung auch nur wiederzugeben. Wenn Conrads sein Ferienhaus als für italienisch sprechenden Menschen gebaut beschreibt, ist das sicherlich nachvollziehbar, aber ebenso ihm als auch mir und sehr wahrscheinlich den meisten anderen Menschen dürfte unklar bleiben, warum das so ist. Wieso das Haus klingt wie es eben klingt. Ebensowenig dürfte es bewusst entsprechend entworfen worden sein. Die anonymen Architekten werden ihre Raumkompositionen aus langer Erfahrung entwickelt haben, aber welche Bedeutung hat das für die zeitgenössische Architektur. Es bedarf zunächst eben jener Terminologie, deren Fehlen Bernhard Leitner beklagt, um die akustische Wirkung eines Raumes mit dem Entwurf in Verbindung bringen und gemeinsam denken zu können. Die Raumakustik als (Fach-)Disziplin existiert zwar bereits, scheint aber nur in Verbindung mit speziellen Architekturaufgaben, wie der Gestaltung eines Konzertsaals, gemeinsam mit der architektonischen Form gedacht zu werden. Sicherlich gibt es bereits zahlreiche solcher Ansätze, die ich aus purer Unkenntnis auszulassen gezwungen bin.

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