Architektur und auditive Wahrnehmung.

Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr.

Abb.1: Eugène Atget, Rue de Cléry und rue d'Aboukir, Paris 2nd arr. (Bibliothèque nationale de France/Wikimedia Commons)

Der Berliner Historiker Daniel Morat forscht im Rahmen seiner Habilitation zur den Klanglandschaft der Großstadt. Kulturen des Auditiven in Berlin und New York 1880-1930. Am 19. Januar hielt er in Zusammenhang mit diesem Thema einen Vortrag im Potsdamer Einstein-Forum mit dem Titel Die Metropole hören, der als Podcast bei Dradio Wissen zu finden ist. Morats Forschungsinteresse gilt der auditiven Wahrnehmung in der Moderne, hier vor allem in Bezug auf die modernen Großstadt. Bis heute jedoch gehe das vorherrschende Denken, so Morat, von einem Primat des Visuellen in der Moderne, vor allem in der modernen Großstadt aus. Die herausragende Rolle des Visuellen werde dabei vor allem auf die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance, die Entstehung des Buchdrucks, und der Definition des des Cartesianischen Erkenntnissubjekts als Beobachtersubjekt zurückgeführt. Darüber hinaus seien die rasante Weiterentwicklung optischer Medien im 19. Jh. und die Anonymisierung des großstädtischen Lebens hierfür historisch entscheidend gewesen. Die daraus entstandene Fixierurung auf das Visuelle, vor allem bei Georg Simmel, Siegfried Cracauer und Walter Benjamin, manifestiere sich in der Figur Flaneurs. Morat beschreibt die Wahrnehmung der (Großstadt-)Geräusche in ihrer historischen Entwicklung, die ich hier nicht in ganzem Umfang nachzeichnen möchte. Interessant erscheint mir vor allem der vom kanadischen Komponisten Murray Schafer in den 1970er Jahren etablierte Begriff der soundscape. Im Rahmen seines World-Soundscape-Projects habe Schafer, so Morat, „ausgefeilte Methoden und eine elaborierte Begrifflichkeit zur Analyse und Beschreibung der Akustischen Umwelt entwickelt, […] Die Definition des Begriffs soundscape kombiniert dabei die Beschreibung der akustischen Umwelt mit deren Wahrnehmung und Deutung.“

Audio 1: Klang des Berliner U-Bahnhofs Schlesisches Tor. (cc yukiovmking)

Ebenso wie Morat es für die Auseinandersetzung mit der modernen Großstadt beschreibt, ist auch die historiografische Untersuchung von Architektur – sprich: die Architekturgeschichte im engeren Sinne – eine in erster Linie visuell orientierte Disziplin. In seinem Buch Experiencing Architecture widmet Steen Eiler Rasmussen beispielsweise dem Kapitel Hearing Architecture knappe 13 der insgesamt 257 Seiten. Rasmussen beschreibt darin unter anderem die Wechselwirkung christlicher Kirchen und der für sie komponierten Musik. So seien in frühchristlichen Basiliken gesungenen Choräle beispielsweise in einem akustischen Kontext entstanden, in dem das normalem Sprechen folgende Echo das Gesprochene bis zur Unkenntlichkeit verzerrt habe. Aus der Notwendigkeit einer anderen Rhythmik seien schließlich die Choräle entstanden. Rassmussen führt das für weitere Beispiele aus, die bezeichnenderweise mit Bildern und Plänen illustriert sind. Die akustische Aura eines Raumes findet, wie mir scheint, heute kaum einen Niederschlag in der Formulierung architektonischer Entwürfe. Bei Gebäuden mit entsprechender Funktion, wie Konzerthäuser und dergleichen, liegen die Dinger etwas anders. Es ist anzunehmen, dass dies mit auch mit einer vor allem visuell orientierten architekturhistorischen und -theoretischen Forschung zusammenhängt. Die Auseinandersetzung mit Akustik, beispielsweise in der Klangkunst, ist heute keine Seltenheit und mit Akteuren wie Bernhard Leitner befinden sich auch Architekten unter den Protagonisten. Glaubt man Steen Eiler Ramussen existiert „no longer any interest in producing rooms with differentiated acoustical effects – they all sound alike.“ Zweifellos aber – und das beschreibt auch Rassmussen so – hat die akustische Wahrnehmung eine nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Raumwahrnehmung insgesamt, wenngleich sie auf den visuell präkonditionierten Betrachter womöglich eher im Unterbewusstsein wirkt. Eine systematischere Untersuchung der auditiven Wahrnehmung vor allem moderner Architektur erscheint so jedoch als ein ebenso vielversprechendes Forschungsgebiet wie Daniel Morats Projekt zur Stadtwahrnehmung.

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