Hans Kollhoff: Der Geist der Architektur.

„Was ist zeigemäßes Bauen?“ fragt Hans Kollhoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Mai. Der Beitrag ist in erster Linie eine Antwort auf Kritik an den Ergebnissen des Wettbewerbs (.pdf) für die Neubebauung des Frankfurter Römers, im Kern jedoch geht es – zumindest suggeriert dies der Titel – um etwas anderes. Die für die Frankfurter Innenstadt vorgeschlagene Bebauung und die daran geübte Kritik spielen deshalb für die folgende Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Als Ausgangspunkt seiner Replik wählt Hans Kollhoff die Feststellung, die Tektonik als Konstante einer Jahrtausende überspannenden Architekturgeschichte sei nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Deutschland „auf dem Müll“ gelandet. Jedoch sei eben diese das Bindeglied zwischen dem Mensch und seinen Artefakten und erst der Verlust des Tektonischen habe uns dessen Notwendigkeit Augen geführt. Gottfried Semper unterteilte die Konstruktion in symbolische und technische Elemente, eine Einteilung, die Kenneth Framptons in seinen Studien zur Kultur des Tektonischen in repräsentierende und ontologische, d.h. kommunizierende Aspekte übersetzte. Semper hatte die Architektur in vier grundlegende, sich historisch nur oberflächlich verändernde Elemente unterteilt: Den Erdaufwurf (Fundament), das Dach (Tragstruktur), den Herd und die umschließende Haut. Für Frampton verdeutlicht Sempers Unterteilung „den Unterschied zwischen dem Verkleidungssystem, das die unter der Oberfläche befindliche wirkliche Konstruktion repräsentiert, und einem Bau, der gleichzeitig seine Grundstruktur und seine Bekleidung zum Ausdruck bringt.“ Diese Dichotomie müsse für die Architektur jeweils neu formuliert werden, „da Bautyp, Technik, Topografie und zeitliche Umstände jeweils zu einer anderen kulturellen Konstellation führen.“Wie also kann eine solche Formel heute lauten und, hier vielleicht noch entscheidender, findet sie ihre Artikulation in der Architektur Hans Kollhoffs? Letzten Endes kritisiert Frampton den Zustand der Architektur nicht weniger als Kollhoff das tut, jedoch mit einem grundlegend anderen Ansatz. Während dieser eine vermeintliche Entfremdung ‚der Bürger‘ – wer auch immer das sein soll – auf symbolischer bzw. repräsentierender Ebene beklagt, sah sich jener bereits zu Beginn der 1990er Jahre mit einer ganz anderen, tiefergehenderen weil ontologischen Problematik konfrontiert. Die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft hatte bereits vor zwanzig Jahren dazu geführt, dass die technischen Installationen gegenüber der Konstruktion längst den weitaus größeren Teil der Baukosten eines Gebäudes ausmachten; ein Zustand, der sich heute tendenziell eher noch verschärft haben dürfte. Die Betonung des Tektonischen gegenüber dem Szenografischen der Architektur beschreibt er nun als „eine Taktik, durch die die Widerstandskraft gegen ihre weitere Auflösung mittels einer Maximierung von Technologie erhöht wird.“

Potsdamer Platz, Berlin

Abb.1: Potsdamer Platz, Berlin. In der Mitte das DaimlerChrysler-Gebäude von Hans Kollhoff. (Foto: cc bagalute, Flickr)

Der Einsatz „des Tektonischen als Mittler bei der Schlichtung der wachsenden Konfrontation zwischen Technologie und Umwelt.“ hingegen ermögliche eine Synthese der widerstreitenden Teile. Nun dagegen Kollhoff:

„Wenn aber die Notwendigkeit besteht, einen Baukörper zusammenzuhalten, weil die Öffnungen zusehends größer werden oder die Hausfront immer breiter, ist der Griff nach einem Gurtgesim selbstverständlich. Wenn dieses sowohl trennen als auch verbinden soll, werde ich über Rundungen des Profils nachdenken. Auch das ist nicht historistisch, auch nicht ornamental oder gemoetrisch, sondern eminent tektonisch und damit das Wesen des Architektonischen, von dem Schinkel gesprochen hat.“

Das mag zutreffen oder auch nicht, entscheidend ist vor allem wie Kollhoff hier ausschließlich auf der Ebene des Repräsentierenden argumentiert. Mit Hinblick auf frühere Bauten Kollhoffs muss das nicht nur auf einer diskursiven, sondern auch einer ganz praktischen Ebene als problematisch erscheinen. Deutlich zeigt dies die Fassade des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (Abb.1). Mit halbierten Klinkern verblendente Elemente ermöglichten hier eine vermeintlich ökonomische Realisierung des Entwurfes im Stil früherer Hochhausbauten, der als wirkliches Verblendmauerwerk von kaum möglich gewesen wäre. Seit einigen Jahren zum Schutz vor herabfallenden Ziegelhälften erforderliche Gerüste versinnbildlichen heute das Scheitern einer Ästhetik, die den Konflikt von Tektonik und Technik nicht schlichtet sondern verschärft. Ein sich allein auf das Repräsentierende konzentriertende Architektur muss scheitern, weil sie am eigentlichen Wesen der Dinge vorbeiläuft. Der geschichtsbewusste Geist Hans Kollhoffs entpuppt sich so, einmal tatsächlich gebaut, als ein rechtes Gespenst.

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