Brutalismus revisited: gestern und heute.

Mai 16, 2012

Am Morgen des letzten Donnerstag fand ich mich im Foyer der von Werner Düttmann 1958-60 erbauten Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg in einer Menschenmenge. Brutalismus als Thema und Titel einer Konferenz hatte offenbar größeres Interesse geweckt, als es die Veranstalter vermutet hätten; die recht moderaten Teilnahmegebühren werde ihren Teil dazu beigetragen haben. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch zumindest eine vage Vorstellung zu haben, was genau man sich denn unter Brutalismus, auch jenseits der Architektur von Alison und Peter Smithson, vorzustellen hat. Das Diskussionspapier hatte ich im Zug noch kurz überflogen, je mehr jedoch im dann Folgenden darüber gesagt werden sollte, desto diffuser wurde mein zuvor so klar-unklares Bild.

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Abb. 1: Werner Düttmann, Akademie der Künste, Berlin (Hansaviertel), 1957-60. (cc wikimedia commons)

Werner Oechslin, der gleich nach dem üblichen Eröffnungsgeplänkel und einer kurzen Einführung Werner Durths aufs Podium trat, konnte, oder eher wollte, meiner Orientierungslosigkeit wenig Abhilfe leisten: Was man denn jenseits von Alison und Peter Smithson überhaupt unter Brutalismus zu verstehen habe, fragte er? Seit Wölfflin wisse man ja, dass letztlich die (moderne) Architektur mindestens ihre Begriffe aus der Kunstgeschichte erhalten habe – inklusive des Dranges alles periodisieren, in Epochen einteilen zu wollen. Allgemein führe das jedoch zu viel zu starken Verallgemeinerungen. Denn diese Periodisierungen griffen notwendigerweise zu kurz. Irgendwo sei das zwar notwendig, wenn man es aber „wirklich ernst meine“, müsse man sehr viel präziser sein; dann könne von Barock beispielsweise nur mehr für die Zeit von 1620-30 gesprochen werden. Ähnliches dürfe wohl also auch für Historie und vor allem Historiografie der Architektur des 20. Jahrhunderts gelten. Von der ‚klassischen Moderne‘ hätten die Protagonisten dessen, was man heute unter Brutalismus verstehe, schließlich bereits gelernt, wie man ein bestimmtes historisches – respektive: historiografisches – Narrativ, nicht ausschließlich aber vor allem, ikonografische konstruiert. Oechslin schien mir mein Ausgangsniveau so zumindest in gewisser Weise nivelliert zur haben: ich weiß, dass ich nichts weiß. Das  im weiteren Verlauf der Konferenz von praktisch jedem Referenten zitierte Werk Reyner Benhams [Brutalismus in der Architektur. Stuttgart, Bern: K. Krämer, 1966.] – dass ich in der Zwischenzeit nicht hatte lesen können – führte mir die zweifellos zahlreichen verbleibenden Lücken dann aber doch immer wieder vor Augen.

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Abb. 3: Alison and Peter Smithson, Hunstanton Secondary School, Hunstanton, 1949-54. (cc flickr/A. Armstrong)

Das Symposium gliederte sich in vier verschiedene Blöcke zu Theorie- und Begriffsgeschichte (Block I), Brutalismus in … den verschiedenen Ländern (Block II und III) sowie einen zu Brutalismus und seine Folgen (Block IV). So präzise die Titel zunächst schienen, so unterschiedlich gestaltete sich die Dikussion. Oechslin war gleich recht ‚hart‘ eingestiegen, indem er die Verwendung des Begriffs jeneseits des britischen New Brutalism generell in Frage stellte. Stanislaus von Moos thematisierte die Ausgangslage in der Nachkriegszeit als eine Situation des Ruinösen, des Ruins. Die Städte – nicht nur in Deutschland – waren zu großen Teilen zerstört, die politische Situation nach der Sieg über den Nationalsozialismus vom aufkommenden Kalten Krieg geprägt. Hier zeigte sich meiner Ansicht nach auch bereits eine gewisse Parallele zur gegenwärtigen Situation. Sicherlich ist beides nicht vollständig vergleichbar – ein totaler Krieg ist uns erspart geblieben –, Doch die räumliche Situation der durch Spekulation verwüsteten Städte vor allem in den USA aber auch in Europa, zeigt sich änhlich desaströs. Mehr noch könnte man die Verbindung jedoch vielleicht in einem ideologischen Ruin sehen. Freilich schlugen keineswegs alle Redner in diese Kerbe; auch von Moos‘ tat das wohl vor allem in meiner Interpretation. Meine Betrachtung hat also eine dezidierte Perspektive, die sich von anderen oder gar einer allgemeinen Lesart der Ergebnisse dieser Konferenz deutlich unterscheiden mag. Kenneth Framptons Vortrag war in dieser Hinsicht beispielsweise wenig ertragreich; wenngleich ich auch insgesamt nicht so recht zu sagen vermag, worum es ihm nun eigentlich ging.

Die beiden Blöcke zu den geographisch vermeintlich unterschiedlichen Situationen zeigten vor allem, dass Brutalismus – ob in Frankreich, Italien, Deutschland oder Japan – außerhalb Großbritanniens ein problematischer Begriff ist und bleibt. Jörg Gleiter und Phillipp Ursprung haben ihn für Japan bzw. die Schweiz explizit nicht verwenden wollen. Sie bezogen sich vor allem auf ideelle, konzeptionelle Parallelen. Gegenüber solchen Vorträgen, die tatsächlich eine formal brutalistische Architektur zu identifizieren versuchten, hatten diese und weitere freilich insofern etwas vorraus, als sie über den jeweiligen geographischen Kontext hinauswiesen.

Dirk van den Heuvels machte sich in seinem, eigentlich der Situation in den Niederlanden gewidmeten Vortrag beispielsweise daran, Reyner Benhams Definition / Interpretation in Frage zu stellen. In einem Interview mit Hans-Ulrich Obrist [Smithson Time. A Dialogue. Köln: Walther König, 2004.] habe Peter Smithson gesagt, Benham habe keineswegs über Brutalismus geschrieben. Die Frage, was es denn dann gewesen sei, wurde zu recht gestellt, blieb jedoch letzten Endes unbeantwortet. Van den Heuvel stellte vielmehr die Brüche innerhalb bzw. die verschiedenen Phasen, wenn man so will, des brutalistischen Diskurses heraus. Von der formalen warehouse aesthetic über die urbanistischen Themen und zurück. Hier zeigt sich einmal mehr, wie schwer greifbar der Begriff eigentlich ist, wenn man ihn über die Smithsons oder vielleicht noch das Team X hinaus anzuwenden versucht.

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Abb. 3: ATBAT, Cité Verticale, Casablanca, 1953. Modell in der Ausstellung In der Wüste der Moderne, 2008. (cc flickr/P. Messner)

Tom Avermaetes Beitrag ‚Une architecture autre‘: Brutalism in Post-War France hatte zwar einen deutlicher geographisch abgegrenzten Fokus, verwies aber auf die allgemeine Bedeutung des Brutalismus als eine Alternative zur Klassischen Moderne in der sich Entwicklenden Konsumgesellschaft und – wichtig für den französischen Kontext – der Dekolonialisierung. Entlang dem Werk der Gruppe ATBAT erläuterte Avermaete die Ideen der französischen ‚Brutalisten‘. Jenseits ästhtetischer Kategorien habe dabei der Mensch in der Person des Bewohners im Mittelpunkt gestanden. Die konkreten Architekturen näherten sich dabei ingenieurstechnischen Konstruktionen: „The materiality and composition of ATBAT buildings relate to the experiments with dams, bridges and roads. The buildings are in the realm of infrastructure-architecture.“ Hier zeigt sich ganz konkret eine weitere Thematik, die allgemeiner erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt sind. (vgl. z.B. Programme wie das network architecture lab oder das infranet lab, Blogs wie mammoth oder city of sound, Konferenzen wie landscape-infrastructure im März dieses Jahres.) Einzig die Terminologie zur De-Kolonialisiserung war hier ein zu Recht kritisierter Aspekt. Das Ende des Kolonialismus ist sicherlich eine für die französische Nachkriegsgeschichte nicht zu unterschätzendes Phänomen, die Dekolonialisierung jedoch eher eine Bewegung innerhalb der ehemals kolonisierten Gesellschaften. Gerade im Mahgreb und vor allem in Algerien ist dieser Ablösungsprozess bekanntlich ein schwieriger und blutiger gewesen.

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Abb. 4: Gottfried Böhm, Rathaus Bensberg, 1964-69, Bensberg. (cc wikimedia commons)

Luca Molinari schilderte die besondere Situation im Italien der Nachkriegszeit, wo auf den auch im Faschismus weiter existierende Rationalismo mit dem Neo-Liberty eine eigene Gegenbewegung zur Moderne entwickelte; erst der Brutalismus habe hier, so Molinari, die Möglichkeit einer neuen ‚Moralisierung‘ der Moderne eröffnet. Die Situation ist, wie gesagt, eine besondere und nicht ohne weiteres verallgemeinerbar.

Adrian von Buttlar thematisierte schließlich in die Situation in Deutschland, ausgehenden von der Frage Stunde 0 – Kontinuität oder Bruch? Arno Brekers Entwurf für den Sitz des Oberkommandos des Heeres in der geplanten Welthauptstadt Germania an und vergleich diesen mit dem tatsächlich gebauten Gebäude des Gerling-Konzerns, scheint die Sache klar – wieso sollte es auch ausgerechnet in der Architektur anders sein, als in anderen Feldern? Buttlar durchmaß quasi das gesamte bekannte Feld von Corbusier über Oswald Matthias Ungers bis zum, wie er es nennt, ‚Trivialbrutalismus‘ (west-)deutscher Stadtverwaltungen. Dass er dann aber auch Gottfried Böhms Rathaus in Bensberg (Abb. 4) in diese Reihe brutalistischer Architekturen stelle, ging einigen doch zu weit. Die Kritik bezog Buttlar dann aber weniger auf seinen Vortrag, denn als weiteren Hinweis auf die Schwierigkeit der präzisen Abgrenzung/Unterscheidung.

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Abb. 5: Peter Märkli, La Congiunta. Museum Hans Josephson, Giornico, 1989-92. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiter und Phillip Urspung klammerten die formalen Aspekte dann auch von vornherein aus. Es habe, so Ursprung, in der Schweiz eben keine brutalistische Architektur, sondern (wenn überhaupt) nur brutalistische Konzepte gegeben. Die vermuteten Ursachen sind dabei durchaus überzeugend: in der Schweiz gab es keine Kriegszerstörung und in einem so stark dezentral organisierten Land gibt es ohnehin weniger bis gar eine großmaßstäblichen Projekt. Entsprechend nannte Ursprung Brutalismus ein Phantom, das nur in seiner Abwesenheit präsent sei. Als Beispiel führte er Peter Märklis Museum für den Bildhauer Hans Josephson, La Congiunta, an. (Abb. 5). Formal evoziere es zwar brutalistische Einflüsse, es sei jedoch eher nicht davon auszugehen, dass Märkli sich tatsächlich für diese Architektur interessierte.

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Abb. 6: Tokio 1945. (cc wikimedia commons)

Jörg Gleiters Vortrag zur Situation im Japan der Nachkriegszeit bezog sich ebenfalls weniger auf bewusste Einflüsse. Die kollektiven psychischen Traumata der japanischen Gesellschaft, die das erste mal einen Krieg verloren und sich dem Diktat einer ausländischen Macht zu unterwerfen hatte, überschnitten sich mit einer Umwelt der totalen Zerstörung. Aus der europäischen Perspektive hat man bei dem Gedanken an jene Zeit in Schutt und Asche liegende Siedlungen vor Augen. In Japan hingegen stand praktisch nicht mehr; die in Holzbauweise errichteten Städte waren durch die Angriffe mit Brandbomben vollständig dem Erdboden gleich gemacht. Die japanische Auseinandersetzung mit dem Westen ist ein viel komplexeres Phänomen, als dass ich es hier auch nur kurz wiederzugeben vermochte. Der Einfluss brutalistischen Gedankenguts ist evident, was entstand jedoch, unterscheidet sich deutlich.

Die folgende Diskussion ging über die unmittelbar vorangegangenen Vorträge weit hinaus und bildete in gewisser Weise sogar den Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Werner Durths plädierte gegen reine Stildiskussion, wie sie sich anzubahnen drothe, und schlug vielmehr eine heuristische Herangehensweise vor. Dieser Beitrag erscheint mir vor allem deshalb so wichtig, weil es meiner Ansicht nach letzten Endes weniger um die konkreten Architekturen geht. Auch glaube ich kaum, dass das wieder erwachende Interesse an einer Haltung, die man nur so vage mit dem Begriff des Brutalismus fassen kann, einzig dem Umstand zu verdanken ist, dass viele seiner wichtigen Bauten vom akuten Verfall oder, schlimmer noch, vom Abriss bedroht sind. Vielleicht ist es eben tatsächlich jene Situation des des Ruins – der ökonomischen, politischen und letztlich der moralischen Autoritäten –, die teilweise eine Rückbesinnung auf eine, wenn man so viel, ‚Ethik‘ begünstigt.

Die letzten Vorträge waren, zumindest unter diesem Gesichtspunkt, vergleichsweise unspektakulär. Was als Brutalismus und die Folgen angekündigt war, hätte wohl besser … und die Relikte geheißen. Die bis dahin doch ziemlich unterrepräsentierten Denkmalpfleger fanden mit Vortrag Ingrid Scheuermanns ihren Anknüpfungspunkt und eroberten in der abschließenden Diskussion die Bühne vom Publikum aus. Zu den dann in erschöpfender Breite debattierten Themen, vermochte bis auf die Denkmalpflegerin Scheuermann kaum einer der übrigen auf dem Podium (Joan Ockman, Beatriz Colomina, Stephen Bates) etwas zu sagen; zumal sich dann auch noch die Simultanübersetzung vorzeitig verabschiedete.

Zusammenfassend sind von der Konferenz nur wenige Antworten und viel mehr Fragen ausgegangen. Zu recht kann sie so wohl weniger als eine Bilanz, als vielmehr ein Ausgangspunkt einer umfassenden Betrachtung dieser wichtigen Bewegung der Architektur des 20. Jahrhunderts gesehen werden.

Alt-neue Geschichte.

September 21, 2011
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Abb.1: Flilip Dujardin, Fictions. (© Flilip Dujardin)

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Abb.2: MVRDV, Silodam, Amsterdam. (cc flickr/Alex Terzich)

Die Highligh Gallery San Francisco zeigt unter dem Titel Fictions einige Arbeiten des belgischen Fotografen Filip Dujardin. In den Architekturen, die Dujardin aus Fotografien collagiert, wirkt eine Art Verfremdungseffekt: was zunächst als vertraut und real (oder real-istisch) erscheint, ist nur die Oberfläche. Ein gewöhnlicher Häuserblock, entpuppt sich als ein Stapel gereihter Einzelhäuser (Abb.1), lange Riegel kragen kühn aus den Seiten eines Turmes (Abb.3). Auch wenn diese Entwürfe, wie Lebbeus Woods schreibt, auf den ersten Blick vielleicht lediglich zur Unterhaltung dienen könnten, würfen sie doch einige Fragen auf:

„The most obvious question that arises is about the buildings’ unusual forms. What, might we imagine, is the purpose of the buildings that demands their highly sculptural forms, assembled from what are clearly parts of ordinary buildings? A clue is found in Modernist architecture of the last century, […] Modern architecture had far-reaching ethical, even spiritual, consequences, but that wasn’t the only reason structurally daring buildings were proposed and sometimes built—it was also for the sheer, playful fun of it and an exuberant enjoyment of space.“

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Abb.3: Flilip Dujardin, Fictions. (© Flilip Dujardin)

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Abb.4: Georgy Chakhava, Georgisches Ministerium für Straßenbau, Tiflis, 1975. (cc flickr/socialsm expo)

Woods folgert aus Dujardins Fiktionen seien keine weiterreichenden Konsequenzen zu erwarten, da vor allem Folge einer bereits abgeschlossenen Phase visionärer Entwürfe seinen. Dies zeigt sich am besten an der vermeintlichen Vertrautheit dieser Art Architektur. Sie hat ihre Wurzeln in der bisweilen tatsächlich derartige Formen annehmenden Realität: MVRDVs Silodam (Abb.2) scheint nach einem ähnlichen Prinzip konstruiert wie Dujardins ‚Entwurf‘ (Abb.1). Georgy Chakhavas Gebäude für das georgische Straßenbauministerium (Abb.4)  – bekannt aus Frédéric Chaubins Fotoband CCCp – ist eine jener architektonischen Kühnheiten, die bisweilen die Wirklichkeit unwirklich wirken lassen und doch real sind.

Ob die (mögliche) Relevanz in Dujardins Fiktionen nun tatsächlich darin besteht, dass sie, wie Lebbeus Woods meint, etwas frischen Wind in diese alten Ideen brächten, möchte ich bezweifeln. Ein altes Konzept als ein neues verkaufen zu wollen kann an sich wohl kaum eine Leistung sein; auch wenn es gute, interessante und wichtige Ideen enthält. Das Wesentliche liegt aber vielleicht auch gerade in der Unmöglichkeit durch diese Art Fiktion neue Ideen hervorzubringen. Vielleicht führt die Gewöhnung oder gar Langeweile, die sich beim Betrachten bereits nach kurzer Zeit einstellt, auch schlicht vor Augen, dass die Zeit dieser Art von Fiktionen vorbei ist, gestern war. Womöglich bedeutet es ganz einfach, dass „sheer, playful fun […] and an exuberant enjoyment of space“ heute als architektonisch-formgebende Prinzipien überholt sind.

Kommunale Haushalte in der Krise: Klassenkampf von oben.

September 18, 2011
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Abb.1: Motor City, Detroit, 2010. (CC flickr/LHOON)

In der Prokla ist aktuell ein interessanter Aufsatz zu den Folgen der Finanzkrise für die Kommunalen Haushalte zu lesen. Margit Mayer, Professorin für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, beschreibt in ihrer Analyse Zustände, in erster Linie für die USA, die ‚erschreckend‘ zu nennen noch euphemistisch wäre. Finanzspekulationen der öffentlichen Hand als Nährboden und die sogenannten ‚Ramsch-Immobilien‘ als Auslöser der Krise sind weithin diskutiert und sollen hier mithin nicht im Einzelnen zu betrachten. Die Folgen allerdings sind (noch) gravierender als man angenommen haben mag. In einigen Kommunen, wie beispielsweise dem Kalifornischen Stockton, sei bereits jedes zehnte Haus zwangsversteigert worden, 40% des Wohnungsbestandes stehe leer. Allein in Florida habe es 2008 über 540.000 Zwangsversteigerungen gegeben. Der Preisverfall sei enorm, dennoch fänden viele Häuser schlicht keinen Käufer und stünden daher einfach leer. Die leerstehenden Häuser würden teilweise zum Hanfanbau genutzt, die Polizei habe daher bereits zahlreiche zumauern lassen.  Zwar hätten sich die Folgen zunächst in den ohnehin bereits schwer geprüften ehemaligen Industriezentren gezeigt, mittlerweile jedoch auch und vor allem auf die Vorstädte, also die weiße Mittelklasse, übergegriffen. In Detroit, das seit den 1950er Jahren fast die Hälfte seiner Einwohner verloren hat, versuche der Bürgermeister die verbleibende Bevölkerung auf zwei Dritteln der Stadtfläche zu konzentrieren um im übrigen Stadtgebiet die Kosten für Abwasser, Müllabfuhr und andere kommunale Dienstleistungen einsparen zu können. Die Verwaltungen begegneten der dramatischen Lage mit Entlassungen und Kürzungen in jedem, vor allem aber dem sozialen Bereich. Maywood, Kalifornien, habe sämtliche städtische Angestellte entlassen und alle öffentlichen [sic!] Aufgaben an private Unternehmen übertragen. Die Sparmaßnahmen gingen so weit, dass in knapp der Hälfte der Bundestaaten sogar Polizei und Feuerwehr ihre ‚Dienstleistungen‘ in Rechnung stellte.

Parallel zum Leerstand wachse die Zahl der Wohnungslosen – 2009 seien offiziell knapp 3 Mio. Menschen (das sind fast 1% der Bevölkerung!) ohne Obdach gewesen. Die Tatsache, dass sich viele Kommunen schlicht verzockt haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kommunale Krise in erster Linie auf sinkenden oder teilweise völlig wegbrechenden Steuereinnahmen beruht. Die Bundesstaaten seien selbst in der Krise und nicht in der Lage zu helfen, die Regierung in Washington agiere zögerlich gegenüber den Banken und ineffektiv gegenüber den sich stellenden Problemen. Hinzu käme, dass die Politik generell vor Steuererhöhungen zurückschrecke und in erster Linie mit Kürzungen reagiere. Wirklichen Widerstand gegen diese Zustände kann Mayer in den USA nicht ausmachen. Sogenannte ‚Astroturf‘, also ‚Kunstrasen‘-Bewegungen wie die vieldiskutierte Tea Party seien im Gegensatz zu wirklicher ‚Graswurzel‘-Initiative letzten Endes kaum mehr als die Instrumentalisierung der „Kritik des ‚kleinen Mannes‘ an der Regierung und den Banken.“ Die Verteidigung eines Steuersystem, in dem ein Warren Buffet weniger Steuern zahlt als seine Sekretärin, ist letzten Ende mit Recht als eine „avancierte Form des Klassenkampfs von oben“ (Mayer) zu bezeichnen.

Susan Neiman beklagte in einer Diskussion zur zukünftigen Rolle der USA kürzlich der Durchschnitts-Amerikaner sei so schlecht informiert sei, dass er das Modell des europäischen Sozialstaats, für Erzählungen aus einem „Märchenland“ hielte. Auf zynische Weise beruhigt es, dass uns in Deutschland Zustände, wie sie Mayer für die USA beschreibt, ähnlich unglaublich erscheinen. Aber auch in Deutschland haben Kommunen reihenweise Milliardenbeträge verzockten. Zwar droht offenbar kein vergleichbarer Einbruch bei den Steuereinnahmen, aber die dadurch reflexhaft hervorgerufene Diskussion um Steuersenkungen sollte zu denken. Es mag ironisch lustig erschienen, dass eine Kommune ihre Schlaglöcher verkauft um an Geld zu gelangen. Die Lage ist damit jedoch nicht weniger dramatisch; im Gegenteil. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte ist sicherlich notwendig, aber die Möglichkeit einer Rückzahlung der Schulden übersteigt zumindest meine Vorstellungskraft. Bemerkenswert ist jedoch die Art und Weise, auf die aus der Schuldenlast ein Totschlagargument konstruiert wird: die (Gegen-)Frage wer das – was immer es auch ist – denn bitteschön bezahlen solle beendet so manche Diskussion.

Bunker Archäologie.

August 27, 2011
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Abb.1: Bunker bei Soulac-sur-Mer, 2011. (CC S.S.)

Burgen und Festungen haben mich in meiner Kindheit sehr fasziniert. Das Leben der Burgherren, Ritter und Könige erschien mir zwar interessant, vor allem aber die Bauten selbst zogen mich in ihren Bann. Der zwischen Festungskonstrukteuren und den Erfindern der Belagerungsmaschinerien ausgetragene, nie endende Wettstreit um die ingenieurtechnische Überlegenheit erschien mir weit spannender als der tatsächliche, auf dem Schlachtfeld ausgetragene Kampf. Es ist der Blick eines Kindes, der die Ambivalenz, die Nähe von kultureller Höchstleistung und Barbarei nicht sieht, nicht sehen soll. Es wird kein Zufall gewesen sein, dass er sich eher auf die mittelalterliche, mehrere Jahrhunderte zurückliegender Kriegspraktiken fokussierte bzw. von den Eltern fokussiert wurde.

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Abb.2: Bunker bei Soulac-sur-Mer, 2011. (CC S.S.)

Nichtdestoweniger machen die Bunker des so genannten Fort du Médoc, auf der nördlichen Spitze der Halbinsel oberhalb von Bordeaux gelegen, heute einen ähnlichen Eindruck auf mich. Als Teil des Atlantikwalls wurden die Befestigungsanlagen während des 2. Weltkriegs von den deutschen Besatzern errichtet, um die Mündung der Gironde und den Hafen von Bordeaux kontrollieren zu können. Die Stellungen wurden noch bis April 1945 von deutschen Soldaten gehalten – zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland bereits der Kampf um Berlin tobte. Auch wenn der heutige Blick ist ein differenzierterer ist, der das Artefakt nicht vom ursprünglichen Zweck trennen kann und will, ist die Faszination eine andere und gerade deshalb die gleiche. Eine Betrachtung dieser Architekturen, wie der Architektur generell, ist ohne Einbeziehung des historischen wie zeitgenössischen Kontextes nicht zu machen. Entscheidend ist dabei die Geschichte als Gegenstand einer Konstruktion zu begreifen, „deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.“ (Walter Benjamin)

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Abb.3: Bunker bei Soulac-sur-Mer, 2011. (CC S.S.)

In einer gewissen Konzentration finden sich solche Bunkerbauten unmittelbar nördlich des Badeorts Soulac-sur-Mer, wenige Kilometer von der Gironde-Mündung entfernt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich die vermeintliche Anhäufung einzelner Bunker als ein komplexes Ganzes. Die in den Dünen und Hügeln verstreuten einzelnen Bauten sind durch ein teils überwuchertes, teils verschüttetes, mitunter aber auch noch deutlich sichtbares Netz von Tunneln und Laufwegen mit einander verbunden. Die Bauten selbst sind mit Graffiti überzogen, im Übrigen jedoch in gutem Zustand. Im Inneren zeigen sie sich aufgeräumt, anscheinend fortwährend in Stand gehalten. Der Zweck offenbart sich in den geräumigen Geschützständen: Wo einst die großen Kanonenrohre montiert waren, bieten sie heute reichlich Platz für die Gruppen der regelmäßig stattfindenden Führungen. Überall finden sich merkwürdig authentisch wirkende Elemente wie schwere, rostige Türen oder fragile Leitern. Deren Glaubwürdigkeit jedoch wird durch sorgsam installierte Treppen oder sauber gehaltene Innenräume in gewisser Weise relativiert. Dem Interesse tut das keinen Abbruch – im Gegenteil. Denn dieses gilt, ganz im historisch-materialistischen Sinne Benjamins, eben nicht der Frage „wie es denn eigentlich gewesen ist“. Vielmehr ist es sowohl der „Blick der Vergangenheit“, als auch der der Gegenwart auf die Vergangenheit, der das Interesse weckt. Eine Bunker Archäologie selbst, wie sie sich aus einer solchen Faszination ergeben könnte, ist hingegen nichts neues. Paul Virilios Bericht wäre hier sicherlich eine passende Lektüre – für das nächste Mal.

Geschichte ist spiralförmig!?

August 25, 2011
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Abb.1: Filter Architecture, Kamberovica-Park, Zenica, 2011. (Filter Architecture/via Baunetz)

Baunetz meldet die Fertigstellung des von Filter Architecture entworfenen Kamberovica-Parks in Zenica. Der Entwurf thematisiert die Geschichte Bosniens durch eine Freiraumgestaltung, die zeige wie sich die „Typologie des barocken Spiegelkabinetts auf eine zeitgenössische Parkgestaltung übertragen“ lasse. Die Besucher bewegen sich auf einem spiralförmigen, teilweise unterirdischen Rundweg in einer Art Spiegelkabinett. Auf diese Spiegel aufgebrachte, mit historischen Aufnahmen bedruckte Folien, stellten die Geschichte einer Nation aus. Elša Turkušić schrieb dazu bereits vor einiger Zeit in A10:

„The pavilion’s interior and the ‚circular‘ layout are strongly symbolic of historical determinism: a long path leading to a single entrance, followed by continuous one-way movement inside the ‚tube‘, eventually bringing the visitor back to the starting point.“

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Abb.2: Filter Architecture, Kamberovica-Park, Zenica, 2011. (Filter Architecture/via Baunetz)

Wie überzeugend Filters Bild einer ’spiralförmigen Geschichte‘ nun wirklich überzeugend ist, bleibe jedem selbst überlassen. Dasselbe gilt für die Beurteilung der formalen Ähnlichkeiten des Projekts zu anderen, beispielsweise denen Dan Grahams. Referenzen sind zweifellos eine legitime Praxis und Grahams Werk unbedingt bewundernswert. Die Frage ist letzten Endes eben nur, ob der Filter eben tatsächlich filtert und etwas Neues destilliert – oder schlicht Graham verdünnt.

David Maljkovic, Lost Memories from these Days , 2005.

Das ganze Projekt wie die Tatsache, dass es offenber überhaupt eine Meldung in deutschen Medien wert ist, erinnert an ein Statement des kroatischen Künstlers David Maljkovic. In einem Interview, das Yilmaz Dziewior für den Jahresring 56 (2010) mit dem Künstler führte, sagte dieser:

„I think that every heritage should be transparent and every history available, because with repression it often comes back from dark corners and burdens the next generation. […] We can feel that in contemporary art, for example. If the artist from the West is involved with his own heritage or activates that heritage in his own artistic practice, that will be seen as a normal process and it won’t be outshined. If the artist from the East deals with such a subject then that will become significant and sometimes even exotic. Cultural heritage of the West, because of its continuity and valuation, is not going to be subject to such readings.“

In seiner eigenen Arbeit beschäftigt sich Maljkovic ebenfalls mit der Geschichte seiner Heimat, deren Relikten und Reflektionen. Die Videoarbeit Lost Memories from these Days beispielsweise, beschreibt Felix Prinz in Texte zur Kunst als ein „Reenactment“ eines tatsächlichen historischen Moments. Ausgehend von einer Fotografie eines Autosalons der 1960er Jahre zeigt die Szene junge Frauen im italienischen Pavillion auf dem Zagreber Messegelände, die wie Hostessen an Autos lehnen. Allerdings verändert Maljkovic die Vorlage durch das Hinzufügen der Hostessen einerseits und ‚Bremsen‘, eher einer Art Parkkrallen, an die Fahrzeuge andererseits. Er stelle so „eine erstarrte Situation, in der buchstäblicher Fortschritt verhindert ist“ heraus (Prinz). In eben diesem Bezug auf die Historie nehmen seine Arbeiten im Umkehrschluss immer ebenso stark Bezug auf die Gegenwart.

Die von Filter Architectures entworfene Installation im Kamberovica-Park hat dabei vor allem zum Ziel, die „reiche mittelalterliche Geschichte – insbesondere in Zusammenhang mit dem alten Bosnien, vor der Osmanischen Besetzung im 15. Jh.“ [Turkušić, Übers.: S.S.] gegenüber der jüngeren, industriell geprägte Geschichte Zenicas herauszustreichen. Der dem historischen Bezug zwingend folgenden Rückbezug zur Gegenwart fehlt hingegen. Stellt man ihn selbst her, fragt man sich zwangsläufig, was ein Fokus auf die Geschichte vor dem 15. Jh. eigentlich für die Gegenwart, vor allem aber die gegenwärtige Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit bedeutet!?

London Schizophrenia.

August 15, 2011
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Abb.1: 'The City and The City'. Straßenszene in London, 2010. (CC Ian Wood/Flickr)

Owen Hatherley hat eine weitere lesenswerte Perspektive zu den Unruhen in London und Großbritannien. Segregation, Ghettoisierung der sozialen Unterschichten, finde man in London, Manchesters, Birmigham und den weiteren Städte, in denen es zu Ausschreitungen kam, nicht:

„Edinburgh might wall off its poor in Muirhouse or Leith, and Oxford might try not to think about Blackbird Leys, but in London, Manchester/Salford, Liverpool, Birmingham, Bristol, Nottingham—the cities that erupted on Monday 8th August—the rich live, by and large, next to the poor: £1,000,000 Georgian terraces next to estates with some of the deepest poverty in the EU. […] We’ve learnt about ’spatial segregation‘, so we do things differently now.“

Aber das löst freilich keines der Probleme – im Gegenteil. Hatherley sieht London als Vorbild für China Miévilles Roman The City and The City. Dort existieren zwei Städte parallel und synchron am selben Ort – während deren Bewohner handeln als sei dem nicht so. In einer Stadt wie London muss man sich aber auch das offenbar erst einmal leisten können. Will Wiles weist auf die massiven Einschränkungen hin, denen die Bewohner der ‚Stadt der Unterschicht‘ tagtäglich begegnen, während die Vermögenderen sich innerhalb einer völlig anderen Wahrnehmungsumgebung. Diese wird Geschaffen mit Hilfe des Crime and Disorder Act 1998. Die ‚Anti-Social Behaviour Orders‘ (ASBO) erlauben der Polizei Kontrollen, Festnahmen und Platzverweise wegen Vergehen, die von Dealen, Drogenkonsum und Vandalismus bis zu Betteln, Spucken und Lärm reichen. Der Soziologe Jeremy Gilbert beschreibt die Folgen gegenüber der taz:

„Zusätzlich [zu den ASBOs, S.S.] existieren bereits informelle Ausgangssperren, wenn etwa Polizisten nach einer bestimmten Uhrzeit wahllos Jugendliche auf der Straße kontrollieren. Die Kriminalisierung von Armut ist jedoch weniger grobschlächtig als noch in den 1970ern, als Polizisten auch ohne Grund auf Schwarze eingeschlagen haben. Heute sind die Vorgänge subtiler, aber auch intensiviert. Entscheidend ist dabei der Besitz von Wohneigentum. In Walthamstow, wo ich lebe, hat die Eigentum besitzende Mittelklasse keine Ahnung von den Lebensverhältnissen in den Blöcken mit Sozialwohnungen. […] Für meine Nachbarn müssen die Ausschreitungen daher wie ein spontaner Ausbruch von willkürlicher Gewalt aussehen.“

Für Heatherley muss das Augenwischerei sein: „All of us, all along – if we’re honest for a microsecond – knew this was a ludicrous way to build a city, to live in a city.“

Blame the Architect: I predict a Riot.

August 14, 2011

„Watching the people get lairy
It’s not very pretty I tell thee
Walking through town is quite scary
It’s not very sensible either
A friend of a friend he got beaten
He looked the wrong way at a policeman
Would never of happened to Smeaton
An old leodensian
I predict a riot“

The Kaiser Chiefs

Die Zeit heute. London, 2011

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Abb.1: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Wouter Vanstiphout, Professor an der TU Delft, hat Eine interessante Analyse der Unruhen in England stammt von Wouter Vanstiphout. Er konzentriert thematisiert die Korrelation zwischen urbanen Großwohnsiedlungen und derartigen Gewaltausbrüchen. Er implziert dabei keineswegs, dass das eine zwangsläufig das Andere hervorbringe, aber ein Zusammenhang ist unverkennbar ist. Vor allem jedoch bezweifelt Vanstiphout, dass Politik und Planung nun ernsthaft die den Unruhen zugrunde liegenden Probleme angehen werden. Es sei nicht so, dass diese die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten ‚die Stadt‘ tatsächlich zu beeinflussen erkannt hätten. Vielmehr folgten beide einer eigenen Agenda, ihren eigenen „ulterior motives“, anstatt für die ‚die Stadt‘ selbst zu arbeiten: „The city has become a tool to achieve goals, political, cultural, economic or even environmental.“

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Abb.2: London Tottenham, 6. August 2011. (CC Matthew Lloyd/Getty Images)

Deshalb sei nun eher ein Rückkehr zur ‚Normalität‘ zu erwarten, oder vielmehr zu befürchten. Zum Vergleich zieht er die Unruhen in den französischen Banlieues 2005 und 2007 heran. Nach dem Abflauen der Krawalle hätten nurmehr 50 bis 150 Autos pro Nacht brannten – anstelle von 1000 bis 1.500 in den Nächten zuvor. Diese ‚Normalität‘ bedeute, dass man sich Vormittags mehr oder minder frei bewegen könne, dass sich spätestens nach Einbruch der Dunkelheit jedoch selbst die Polizei aus diesen Vierteln zurückziehe. Die Krawallen, seien also vielmehr

„‚just spectacular worsenings of a chronic condition, extrapolations on a permanent crisis lived by millions, but neglected by tens of millions. Something became visible for a moment, and then disappeared again, as a bad dream. Behind the scenes however a mechanism is in place that contains the badness, that keeps it from spilling over again, while making it inevitable that it will.“

Die Zeit davor. Broadwater Farm, 1985

Broadwater Farm ist ein modernistisches Wohnungsbauprojekt der 1960er Jahre im Norden Londons. Im Frühjahr dieses Jahres sprach Vanstiphout in einer Vorlesung über die Unruhen, die sich dort im Oktober 1985 ereigneten. Diese hatten vergleichsweise kleine (räumliche) Ausmaße, was eine stärker architektonische Betrachtungsebene eröffnen.

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Abb.3: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

Auslöser der Proteste war der Tod der Mutter eines mutmaßlichen Drogendealers während einer Hausdurchsuchung. Die genaueren Umstände sind bis heute ungeklärt. Eine Gruppe Jugendlicher zog daraufhin vor die örtliche Polizeistation um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren, der sie vorwarfen, für den Tod der Frau verantwortlich zu sein. Es kam zu Auseinandersetzung in deren Folge die Polizei versuchte, die Jugendlichen zurück in den Broadwater-Komplex zu drängen. Das abgeschlossene Areal bildete eine Art ‚Zitadelle‘ (Vanstiphout) der mittlerweile gewaltätig protestierenden Jugendlichen. In den Komplex selbst habe die Polizei sich jedoch nicht vorgewagt, ganz einfach

„Because once they are inside, they don’t know what to do anymore. Because of the spatial nature of this place, they have no idea how to chase the criminals. Because there are elevated walkways, there are little stairs that connect them, there are these huge stairwells where the different elevated walkways come together. There is a huge underground zone, which is completely unmonitored and the stairs which conntects it to the upper leves – so it’s an incredible nest. One of this modernist network type of system, that makes it extremely difficult for the police to exert any control over it.“

Statt in das Estate beinzudringen belagerte die Staatsmacht die revoltierenden Jugendlichen im Areal. Mit eigens gelegten Feuer zwangen diese die Feuerwehr und so schließlich auch die Polizei in den Innenbereich des Estates. Ein Polizist, Keith Blakelock, wurde dabei von seiner Einheit getrennt und auf grausame Weise ermordet. Blakelocks Mörder konnten unerkannt entkommen und auch bis heute nicht ermittelt werden. In ihrer Hilflosigkeit nahm die Polizei stattdessen einige der üblichen Verdächtigen fest, die zum Teil wegen anderer Vergehen verurteilt wurden.

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Abb.4: Broadwater Farm Estate, London, 2009. (CC Axel Drainville/Flickr)

In den darauffolgenden Jahren ist Broadwater Farm, wie Vanstiphout ausführlich berschreibt, durch zahlreiche Interventionen und vor allem Investitionen in die soziale Infrastruktur zu einem der sichersten Orte Londons gemacht worden. Zugleich sei es aber auch zu einem der am stärksten überwachten Orte des Großbritanniens [sic!] geworden, wodurch jedoch immerhin die Kriminalitätsrate drastisch gesenkt werden konnte.

Die Zeit danach. 1985-2011

In einem anderen Vortrag, den er im Februar an der ArchitecturalAssociation (AA) in London hielt, ging Vanstiphout genauer auf die Gemeinsamkeiten verschiedener sozial wie ethnisch motivierter Unruhen seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein. In allen Fällen habe es ein sogenanntes „trigger-event“ (auslösendes Ereignis) gegeben. Ähnliche Vorfälle mag es hunderte Male zuvor gegeben haben, aber in diesem speziellen Moment führe es, bedingt durch besondere Umstände, zum Gewaltausbruch.

Vanstiphout beschreibt wie in London nach 27 Jahren die Ermittlungen im Blakelock-Fall wiederaufgenommen wurden. Einige derer, die damals als Jugendliche an den Krawallen teilgenommen hatten – heute in ihren 40ern – sind festgenommen und befragt worden, woraufhin es zu Spannungen gekommen sei; innerhalb einer Woche seien ein Drogendealer festgenommen und ein Jugendlicher erschossen worden. In einer BBC-Sendung ist der Fall sogar noch einmal mit großem Aufwand rekonstruiert worden. Vanstiphout sagte dazu im Frühjahr: „We don’t know how this will end, but what it suggest is the extrem kind of sensitivity of these areas to what happens in their enviroment.“ Der Guardian schreibt am 7. August über den ersten Tag der Auseinandersetzungen:

„The violence broke out at dusk after about 120 people marched on Tottenham police station to express anger over the death of Duggan. The protesters had begun their march in the Broadwater Farm area, the scene of riots in 1985 in which a police constable, Keith Blakelock, was killed by attackers wielding knives and machetes.“

Ob das Zusammentreffen dieser Ereignisse nun ein Zufall ist oder nicht sei dahin gestellt. Ebenso wenig ist das eine grundlegende Kritik an dem Versuch zu verstehen, nach 27 Jahren einen Mordfall aufzuklären. Die Art, in der sich die Ereignisse zu wiederholen scheinen, ist jedoch durchaus als Beleg einer weiteren These Vanstiphouts zu werten:

„the reality of urban riots is that they have always turned out to be the opposite of a learning experience for a city. Riots have nearly always resulted in politicians simplifying the problem even more, and citizens looking away even further.“

‚Blame the Architect‘

Was im Gegensatz zu anderen Unruhen bisher ausblieb, ist die Vermutung/Behauptung die Architektur sei eine Ursache der Misere. Die Architekten, die sonst gerne für sich in Anspruch nehmen mit ihrer Arbeit die Gesellschaft, die Welt zu beeinflussen, wiesen dabei jedes Mal alle Verantwortung kategorisch von sich. Das mag übereilt sein, richtig ist aber eben auch, dass Unruhen in allen Arten urbaner Umgebungen vorkommen. Zwar sei es, so Vanstiphout, in Frankreich 2005 und 2007 ausschließlich in zwischen den 1950er und 1970er Jahren errichteten Siedlungen zu Krawallen gekommen, Gegenbeispiele hierfür wären aber etwa Unruhen in Notting Hill 1958, Detroit 1967 oder Los Angeles 1992. Vanstiphout: „This does not suggest that there is a clear relationship between the architecture and the crime, however the broadwater riot […] led to a reaction, that was totally architectural. […] The reaction that the reason must lay in the design itself.“

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Abb.5: 'Die Hand des Architekten', Le Corbusiers Hand über dem Modell des 'Plan Voisin'. (via V&A Museum Blog)

Diese reflexhaften Anschuldigungen gegenüber der modernen Architektur im Allgemeinen – und der Le Corbusiers als deren Inkarnation im Speziellen – sind bisher ausgeblieben. Das verwundert dann doch, denn an sich wäre damit eine schnelle Erklärung bei der Hand. Ähnlich wurde eben auch in Frankreich, wo man den offensichtlich gescheiterten Großplanungen der 50er bis 70er Jahre mit einem nicht minder megalomanischen Plan Espoir Banlieue zu begegnen versucht. Natürlich ist das eine krasse Simplifizierung – aber so bedarf es eben nur einer anderen Planung, die dann alles zum besseren wenden wird. Sollte es sich bei den eigentlichen Ursachen um jahrhundertelange Unterdrückung, ein Erbe des Kolonialismus, Segregation, Armut oder schlicht blinde Zerstörungswut handeln, wäre das Problem um einiges komplexer. Im Augenblick sieht es erstaunlicherweise dann doch so aus, als bekäme diesmal tatsächlich „die Gier des Establishments“ oder sogar die neoliberale Politik selbst die Schelte. Der Gedanke, dass gewisse urbane Umgebungen Gewalt wenn nicht hervorbringen, so doch zumindest befördern, sollte dennoch haften bleiben. Vanstiphouts Analysen führen eine Komplexität der Thematik im architektonischen/urbanistischen Kontext vor Augen, an deren (weiterer) umfassender Diskussion kein Weg vorbei führt! Zumindest dann nicht, will man Vouter Vanstiphouts doch recht deprimierendes Fazit eher als Aufforderung zum Handeln – oder zumindest Nachdenken – denn als Anlass zur Resignation verstehen:

„After a riot your average city will become more afraid, more authoritarian, more segregated, more exclusive and less tolerant. That is the real tragedy of the post-war western urban riot, first it shocks and terrifies us, then for a moment it makes us see flashes of the kind of city we should be working towards, which then fades away into the darkness. Back to normal.“

Objet trouvé, Narrativ: Autofiktion.

Juli 27, 2011
Alexander Rischer - Nadelöhr

Abb.1: Alexander Rischer, Nadelöhr, 2006. (© Alexander Rischer, Kultur&Gespenster 7 (2008): 205.)

In einer älteren Kultur&Gespenster-Ausgabe stieß ich kürzlich auf ein Interview mit dem Fotografen/Künstler Alexander Rischer. Rischer fotografiert scheinbar banale Orte, Gebäude, Gegenstände. Deren Sinn erschließt sich meist nicht unmittelbar, bereits auf den zweiten Blick jedoch erscheinen sie merkwürdig kurios. Rischer sagt, er interessiere sich dabei vor allem für Orte, die auf etwas verwiesen. So einfach die Objekte formal sind, so komplex ist ihre Diegese. Erst durch die Erzählung des Künstlers erschließt sich ihr Gehalt. Die Fotografie mit dem Titel Nadelöhr (Abb.1) zeigt ein merkwürdig anmutendes, torartiges jedoch nur kniehohes Gebilde. Rischer berichtet hierzu, das Artefakt ersetze einen Baumstamm, dem im 16. Jh. heilende Kräfte zugesprochen wurden. Dieser Volksbrauch sei so beliebt gewesen, dass Landgraf Moritz zu Hessen den mit den Jahren morsch gewordenen Stamm durch eben jene Plastik habe ersetzen lassen, die noch heute nahe der Autobahn 4 zwischen Bad Hersfeld und Eisenach zu sehen sei. Ihn habe daran zum einen

„diese triumphbogenhafte Form [interessiert, S.S.], zum anderen dieses sehr rudimentär Zusammengefügte und dann diese, man muss ja sagen, etwas schnöde, beiläufige Aufstellung. Ich habe tatsächlich eine sehr viel musealisiertere Interpretation des Objektes an dieser Stätte dort erwartet, aber das ist tatsächlich unfassbar peripher und heruntergekommen an einem LKW Parkplatz.“

Rischers Beschreibung, wie der im Hintergrund sichtbare Ausschnitt des Kontextes lässt also vermuten, dass der nicht durch die Erläuterung des Künstlers aufgeklärte Betrachter, das Objekt wohl eher für eine kuriose Sitzgelegenheit und kaum für eine spätmittelalterliche Kultstätte gehalten hätte. Die Tatsache der Abbildung in Rischers Fotografie abstrahiert die unmittelbare Erfahrung dabei natürlich: allein durch sie bekommt das Objekt etwas besonderes, wird auratisiert. Beim Anhalten auf dem Rastplatz aber würde es wohl erst auf den zweiten Blick als bemerkenswert erscheinen, erst auf weitere Nachforschung hin seine Geschichte preisgeben. Das Nadelöhr zeigt möglicherweise, wie viel in einem scheinbar banalen Artefakt stecken kann. Womöglich illustriert das Beispiel aber auch, wie viel man in ein scheinbar banales Artefakt hineinstecken, daraufprojezieren kann. Rischers Narration erscheint plausibel, ist möglicherweise ‚wahr‘, könnte aber ebensogut Fiktion und für den Künstler gleichzeitg wirklich, eben Autofiktion sein.

… ein Meister aus China.

Juli 19, 2011

In der Wochenendeausgabe der F.A.Z. war ein interessantes Portrait Ole Scheerens zu lesen, geschrieben von Dieter Bartetzko. Schon diese die Konstellation macht hier einen gewissen Reiz aus. Ole Scheeren, vormals ‚Zauberlehring‘ Rem Koolhaas‘ bei OMA und nun selbstständiger Architekt in Peking und Entwerfer diverser Hochhäuser oder vorerst noch Hochhausprojekte. Dieter Bartetzko als Architekturkritiker der F.A.Z., der sonst eher Geisterbeschwörer wie Hans Kollhoff oder Christoph Mäckler zu schätzen scheint.

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Abb.1: Ole Scheeren, OMA. MahaNakhon, Bangkok. (via Archdaily; © Ole Scheeren, OMA)

Beeindruckend ist vor allem, wie sehr Scheeren Bartetzko beeindruckt zu haben scheint. Es wäre sicherlich zu viel einem zu recht geachteten Journalisten eine naive Herangehensweise unterstellen zu wollen, sonderlich kritisch ist sie dennoch nicht. Beispielsweise dann, wenn Bartetzko die obligatorische Menschenrechtsfrage stellt, die offenbar allen in China arbeitenden Architekten irgendwann gestellt werden muss. Fadenscheinige Antworten darauf kennt man bereits, Scheerens Antwort er sei sicher, „dass selbt im Zeitalter des Internets un der Blogs alle noch gar nichts über China wissen, obwohl jede zweite Schlagzeile mit China beginnt.“ ist hingegen im Prinzip doch eine ziemliche Frechheit – die Bartetzko wiederum „entwaffnend gelassen“ findet. Mann muss den Gefragten wohl zugestehen, dass es auf diese ebenso fadenscheinige Frage schlicht keine richtige Antwort geben kann. Scheerens Antwort hingegen kann wohlwollend betrachtet bestenfalls unüberlegt sein. Man könnte es auch so verstehen: Die Unkenntnis der chinesischen Verhältnisse lässt uns die miserable Menschenrechtssituation als problematisch erscheinen, obwohl sie eigentlich irgendwie, irgendwo, irgendwoher aus der chinesischen Kultur ihre Berechtigung hat. Das es so nicht gemeint gewesen sein kann, ist relativ klar, dass der Autor an dieser Stelle nicht weiter nachfragt umso erstaunlicher.

Rekonstruktionsstudie DomRoemer

Abb.2: Rekonstruktionsstudie 'Hinter dem Lämmchen', Frankfurt. (© DomRömer GmbH)

Nicht nur an dieser Stelle wirft der Abriss des Gesprächs, den Dieter Bartetzko dem Leser vorsetzt, die Frage auf, warum das Portrait eigentlich kein Interview ist? Auch an anderer Stelle wünschte man sich den genauen Wortlaut zu kennen. Etwa dann, wenn er Scheerens Anmerkung zur Diskussion verschiedener Filmkulissen beschreibt:

„Die hiesige Architektur erscheine ihm kulissenartig, worin sich eine ’schockierende Leere der Inhalte und die Abwesenheit von Idealen, fehlende Bereitschaft zur Veränderung‘ ausdrücke.“

Natürlich sind die möglichen Auslegungen vielfältig und reichen über das Naheliegende (vgl. Abb.2) hinaus. Hier wünscht man sich lesen zu können, was Dieter Bartetzko darauf erwiderte – wenngleich das wahrscheinlich weniger interessant gewesen wäre als das jetzt ungesagt gebliebene. Der Gedanke lässt sich aber eben auch weiter spinnen. Denn zweifellos ist die beklagte „fehlende Bereitschaft zur Veränderung“ oft anzutreffen; auch abseits der Rekonstruktionsdebatten. Daraus ergibt sich die Frage, wo diese Veränderung stattfinden müsste und wie sich mögliche Antworten konkret – auch architektonisch! -– artikulieren könnten. Dazu müsste aber zunächst jene formal-ästhetische Ebene, auf der sich die gegenwärtige Diskussion um zeitgenössische Architektur – die eben auch mal nach Renaissance aussehen kann – hauptsächlich bewegt, verlassen werden. Denn diese Oberflächlichkeit scheint immer wieder den Blick für das Wesentliche zu verstellen. Wesentlich ist die Frage, in wieweit sich die zweifellos veränderten Lebensumstände räumlich – hier: architektonisch – niederschlagen. Denn obwohl oder auch gerade weil die technische Entwicklung unsere (räumliche) Lebensumwelt zunehmend beinflusst, scheinen sich grundlegende Bedürfnisse nicht in gleichem Maße verändert zu haben. Insofern wäre zu überlegen, ob eine architektonische Praxis letztlich nicht im Bewahren besteht. Darin, das als räumlich gut und schön Empfundene mit den extreme Ausmaße annehmenden Elementen der technischen Gebäudeausrüstungen in Einklang zu bringen.

Der Artikel erschien am 16. Juli 2011 unter dem Titel „Der Zauberlehrling ist nun der Meister” im Teil Bilder und Zeiten der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

City as Sound: Stadtmuziek.

Juli 11, 2011

Nach erst– und nochmaliger Auseinandersetzung mit aditiver Wahrnehmung von Raum, Stadt und Stadtraum – hier und an anderer Stelle – muss ich konstatieren, dass sich dazu doch einiges finden lässt. Wer suchet, der findet! In diesem Fall habe ich allerdings nur davon erzählt (s.u.). Unter dem Titel Stadtmuziek sucht der Designer Akko Goldenbeld die physische Form der Stadt Eindhoven in Klang zu übersetzen. Dafür wurde ein Modell in einer Art Stiftwalze angefertigt, das beim Drehen verschiedene Hämmerchen auslöst, die wiederum die Tasten eines Klaviers anschlagen. Ich muss gestehen, nicht so recht verstanden zu haben worum es bei dem Projekt tatsächlich geht. Um eine akustische Wahrnehmung der Stadt selbst kann es schließlich nicht gehen. Der Titel scheint zwar irgendwie auf Walther Ruttmanns Sinfonie der Großstadt anzuspielen, wie Dan Hill auf cityofsound.com vermutet, könnte aber orthografisch genausogut mit Ludwig Hilbersheimers Groszstadtarchitektur in Verbindung gebracht werden. Zwar schreibt Designboom zu dem Projekt:

„placed on a revolving wooden cylinder, the buildings set little hammers in motion that play the keys of the piano. by turning and turning, the city makes its voice heard – from loud to soft, long to short, high-pitched to low – translating the three-dimensional reality of the city into an aural experience.“

Das aber ist offensichtlich ein Missverständnis. Denn schließlich wird hier keineswegs die ‚drei-dimensionale Realität der Stadt‘ übersetzt, sondern vielmehr die eines zylindrischen Stadtmodells. Denn die Übersetzung erfährt eben diese Realität schließlich bereits in ihrer Repräsentation durch das Modell, dessen Klang hier wiedergegeben wird. Wohlwollend interpretiert, geht es möglicherweise auch um Eben dieses Verhältnis von Realität bzw. ‚reality‘ zur Wirklichkeit. Vielleicht hat aber trifft auch einer der Kommentatoren des Youtube-Videos den Nagel auf den Kopf: „Hipster and their music.“

Vielen Dank an Micha K. für den Hinweis.